Ein Ausflug in die Vororte von Phnom Penh

Mai 2008.


Ein Ausflug in die Vororte von Phnom Penh.
Die Müllhalde von Stung Mean Chey.





Mit meinem Tuk-Tuk-Fahrer, Herrn Thi, habe ich über die Monate ein Ritual entwickelt: Wir machen gemeinsam regelmäßige Wochenend-Ausflüge in die unmittelbare Umgebung von Phnom Penh. Meist sind das Orte, die Herr Thi noch nie gesehen hat und über die ich auch recht wenig weiß. Für uns beide gibt es bei diesen kleinen Reisen oft überraschende Momente, doch selten Enttäuschungen, weil ich Herrn Thi inzwischen erfolgreich überzeugt habe, dass er einfach mal nach dem Weg fragen kann und dass das keine Schande ist. Und so kommen wir zumeist ohne längere Umleitung am Ort unserer Wahl an.


Das Wochenend-Ritual läuft gewöhnlich so ab: Am Freitagnachmittag schickt mir Herr Thi per SMS seine Anfrage, diskret verpackt. "good morning mrs hov are you today? are you working dismorning? thanks see you soon" Ich texte zurück: Ob er mich vielleicht am Sonnabend um 9 Uhr von zu Hause abholen könne? Dann erreicht mich in Windeseile seine Antwort: "noprvlem", womit gemeint ist, dass er das natürlich unproblematisch einrichten könne. Ich weiß inzwischen: Er bringt seine Frau gegen 8 Uhr in die Textilfabrik und ist danach frei.


In diesem Mai hat es erstaunlich wenig geregnet, deshalb begeben wir uns weiterhin auf staubige Straßen. Doch diesmal wird es nicht nur ein staubiger Ausflug, denn ich will mir einen Ort angucken, der normalerweise nicht auf der touristischen Agenda steht: die Müllkippe von Stung Mean Chey, vor den Toren der Stadt. Dafür gibt es einen aktuellen Anlass: Phnom Penh stinkt in den Mai-Himmel, noch mehr als üblich. Wir haben Verhältnisse wie in Neapel. Allerdings scheinen die Ursachen weniger mafiöser Natur zu sein, aber wer kann das schon wissen. Jedenfalls ist der Gouverneur von Phnom Penh sauer auf den privaten Stadtreiniger Cintri. Es stinkt ihm im Sinne des Wortes, und er droht der Firma, dass Angestellte der Stadtverwaltung eingesammelte Abfälle auf dem schmucken Cintri-Firmenrasen zwischenlagern würden, wenn nicht sofort etwas passierte. Das Ultimatum läuft am 23. Mai ab.


Cintri schloss mit der Stadtverwaltung im Jahr 2002 einen Vertrag für den Zeitraum von 49 Jahren, mit dem Inhalt, 90 % des städtischen Mülls zu beseitigen. (Die Vertragsdauer kommt mir außergewöhnlich lang vor - doch sollte ich sie als positives Zeichen deuten: als Beweis für das Vertrauen in die Beständigkeit des hauptstädtischen Lebens, die Effizienz der Stadtverwaltung und die Effektivität der Privatwirtschaft.) Doch seit Vertragsbeginn ist zwischen Stadt und Stadtreinigung ungeklärt, in wessen Verantwortungsbereich die Müllkippe und die Zufahrtswege fallen. Ein Entwicklungshelferkollege erzählte mir, dass vor ungefähr zehn Jahren kambodschanische Abfallexperten in Deutschland ausgebildet worden seien. Denn Müll ist ja nicht gleich Müll, vielmehr eine wahre Wissenschaft, was wir spätestens mit der Einführung des grünen Punktes und der gelben Tonne gelernt haben. Nach Rückkehr in ihre Heimat sollten diese Experten sich auch um die Mülldeponien von Phnom Penh kümmern. Doch was der Cintri-Geschäftsführer über den Zustand der Abfalldeponie zu sagen hat, klingt nicht nach Entwicklungshilfeerfolg: Die Deponie entspreche nicht internationalen Standards. So seien die Zufahrtsstraßen so uneben, dass regelmäßig Müllfahrzeuge umkippten, während andere sich platte Reifen holten wegen des hohen Anteils an "Altmetall auf den Straßen". Was der Cintri-Geschäftsführer nicht erwähnt, sind die Menschen, die den Abfall ihren Arbeitsinhalt und die Mülldeponie ihren Arbeitsplatz und ihr Zuhause nennen.


Schon morgens schrecken sie mich aus dem Schlaf: die Lumpensammler von Phnom Penh. Denn tatsächlich gibt es hier ein Mülltrennungssystem, wenn auch rudimentär; Flaschen, Dosen und Papier werden gesondert eingesammelt. Einzeln ziehen sie mit ihren Holzkarren durch die Straßen und machen auf sich aufmerksam mit einem speziellen Lumpensammler-Erkennungston. Der wird mit einer Plastikflasche produziert, die, zwei- bis dreimal zusammengedrückt, Laute hervorbringt wie ein gelbes Badewannen-Quietsche-Entchen, bloß viel eindringlicher. Im Karren wird alles transportiert, was man für den Tag braucht: ein Getränk, eine Plastiktüte mit bereits gekochtem Reis, ein Schweißtuch, eine Waage für das Gewicht des Sammelgutes, schließlich das Sammelgut selbst. Es sind viele Frauen unterwegs, manche haben ihr Kind in den Karren gesetzt. Einer dieser kleinen Schmutzfinken streckt mir strahlend die Plastikpuppe entgegen, die die Mama wohl aus dem Müll gefischt hat. Die Puppe hat blonde Locken und blaue Augen und wird nach der Vorzeigeaktion sofort wieder von ihrer kleinen Puppenmutter fest an die Brust gedrückt. Glück ist eine Puppe im Arm und eine Mama in der Nähe ...


Herr Thi muss mehrmals nach dem Weg zur Müllhalde fragen. Plötzlich sind wir da - kein Zaun, keine Mauer, keine Einlasskontrolle. Wo sich die ungeplasterte Straße leicht anhebt, hinter einfachen Häusern und Holzhütten, erstreckt sich die Müllkippe: so weit das Auge reicht - eine hügelige Landschaft aus alten Plastiktüten - farbenfrohe Fetzen und graue Masse, Undefinierbares, baumlos, aber sehr lebendig - auf dem Müll wird gelebt. Ich verlasse meinen bequemen Platz hinter Herrn Thi und laufe den Weg hinauf. Wie ein Eindringling fühle ich mich und wie ein Voyeur. Ein Junge, dessen Alter ich nicht schätzen kann, hockt am Boden und zieht mit einem Metallgegenstand aus einem Holzbrett Nägel, die er neben sich aufreiht. Zwei Männer in Gummistiefeln und Topfhüten grinsen mich an. Sie stehen an einem Wägelchen, einem Verkaufsstand auf Rädern, hinter dem ein dicker Khmer Sirup auf klein gestoßenes Eis tropfen lässt: Er ist der Eismann der Müllkippe. Ein paar Meter weiter brät eine Frau Nudeln auf einer kleinen Pfanne, es ist Mittag. Zwei nackte kleine Jungen gucken mich fast ängstlich an und klammern sich aneinander, der eine ballt die linke Faust um einen gelben Keks. Den Weg hinauf ziehen Karren mit Sammelgut. Dann rumpelt ganz langsam, eine große Staubwolke hinter sich lassend, ein grüner Cintri-Müllwagen an mir vorbei. Hoffentlich kippt er nicht um. In einer Holzhütte, eigentlich einem Bretterboden auf Stelzen mit einem Wellblechdach darüber, ohne Wände, sitzen zwei alte Frauen und beobachten mich mit ausdruckslosen Gesichtern.


Und überall wuseln Menschen herum, die Teile der Deponie umschichten, umdrehen, umpflügen, manchmal mit Schaufeln, Latten oder Metallstangen, manchmal mit bloßen Händen. Nach welchem System der Müll hier "bearbeitet" wird (wenn denn der Aysdruck "Bearbeitung" überhaupt zutrifft), erschließt sich mir nicht. Was ich aber deutlich erkennen kann: Es wird gearbeitet.


Inzwischen hat sich der Himmel zugezogen. Die graue Landschaft wirkt noch grauer. Es regnet bald in feinen Tropfen, niemand außer mir scheint das wahrzunehmen. Ich habe einen guten Grund, zu Herrn This Tuk-Tuk zurückzulaufen. Der Weg ist bald feucht und glitschig, keine schöne Vorstellung, hier auszurutschen. Ich achte sorgfältig darauf, wohin ich die Füße setze. So fällt mein Auge auf ein chinesisches Schriftzeichen, aufgedruckt auf etwas, das früher vielleicht einmal ein Sack war. Das Zeichen ist das einzig für mich Entzifferbare, Verstehbare in der großen Dekonstruktion um mich herum. Es heißt "xiāng", 香, auf deutsch "Duft". Ja, erstaunlich - gestunken hat es hier nicht. Oder habe ich einfach nicht aufgepasst?


Helga aus dem Königreich der Khmer.
Phnom Penh, 11. Juni 2008.


© Mimi Productions

Drei einfache körperliche Phänomene

April 2008.


Drei einfache körperliche Phänomene.
Ich bin bedingt tropentauglich.





Angeblich gewöhnt der Mensch sich an alles. Ich solle mich mal nicht so anstellen, das mit der Akklimatisierung brauche Zeit, gelinge aber immer: So sagten mir weitaus längerfristig hierlebende Nicht-Kambodschaner. Ich will ja nicht rechthaberisch sein, jedenfalls nicht dauernd: An manches gewöhne ich mich keineswegs. Ob ich will oder nicht, mein Körper macht einfach nicht alle Anpassungsprozesse mit. Das stelle ich im hitzeintensiven Monat April, meinem inzwischen zweiten, zu meiner Selbstbestätigung, mit partieller Zufriedenheit, fest. Na bitte, dahamwirs, habbichjagleich ... und so weiter.


1. Phänomen: Ich verflüssige mich.
Ein ganz normaler Arbeitstag, Mitte April. Ich sitze zur gewohnten Zeit, um 6.30 Uhr, mit meiner Teetasse am Frühstückstisch und gucke mir zu. Auf meinem T-Shirt entsteht ganz von selbst und kreisrund der erste Schweißfleck des Tages. Es fäng mit etwas Kribbeln an (als naturwissenschaftlich versierte Beobachterin greife ich noch nicht ein) und wird dann langsam immer sichtbarer als dunkles Rund auf der Baumwolloberfläche. Natürlich lässt sich das Phänomen auch direkt in seiner Entstehung erleben. Ich setze also die Teetasse ab, hebe das T-Shirt und betrachte meinen Bauch: Es ist wie bei der Geburt einer Quelle. Es tut sich was im Untergrund, es dringt hervor. Das Kribbeln verdichtet sich zu kleinen Perlchen, die sich zunächst an der Epidermis festklammern und schließlich, von der Schwerkraft besiegt, ein zögerliches Rinnsal bilden. Nun muss ich doch aktiv werden: Nichts ist unangenehmer als eine feuchte Unterhose, bevor das Frühstück eingenommen ist. So wische ich mit meinem Schweißtüchlein, meinem wichtigsten Utensil nach der Brille, hier und da, während es inzwischen an anderen Stellen zu ähnlichen Quell-Reaktionen kommt. So tropft es in die Ohren und rinnt mir in den Nacken. Im Monat April braucht mein dünnes Haar Stunden zum Trocknen. Sobald ich mein klimatisiertes Büro erreiche, setzt jedoch der Normalisierungsprozess ein: Eine Totalverflüssigung habe ich zum Glück noch nicht erlebt.


2. Phänomen: Ich bin ein Lebensmittel.
Dass wir Menschen immer denken, wir wären am Ende der Nahrungsmittelkette und uns könnte keiner, ist eine lächerliche Fehleinschätzung. Ich jedenfalls bin ein überaus beliebtes Nahrungsmittel, ein permanent nachwachsender Rohstoff, eine Vor-, Haupt- und Nachspeise für sämtliche Moskitos der Umgebung. Es gibt Abende, da kann ich einfach nicht mehr, außer vor Wut heulen: Ich will nicht mehr angeflogen, bekrabbelt, gepiekst und ausgesaugt werden! Ich will nicht mehr Anti-Mückensprays auf meinen Schienbeinen und Anti-Moskitocreme auf den Armen haben - ich will einfach nur in Ruhe vor mich hinsitzen, gern auch draußen, denn es ist ja eine dieser lauschigen Nächte, wo das Thermometer noch oberhalb der 30 Grad-Marke weilt und nach denen wir uns in der kalten deutschen Heimat so sehnen. Aber hier habe ich keine Ruhe: Die Insektenwelt hat sich bereits das Lätzchen umgebunden und stürzt mit erhobenem Besteck auf mich zu. Seufz. Will ich nicht aufgefressen werden, bleibt mir die Wahl zwischen Autan ("kühlt und erfrischt die Haut") für draußen und Raid ("fast kill everywhere with Lemon Fragrance") für drinnen. Was hätten Sie gewählt ...


3. Phänomen: Ich v e r l a n g s a m e.
Früher hielt ich mich für eine geborene Rennmaus. Treppensteigen war mir unproblematisch, und "ich komme mal geflitzt", war keine Redewendung, sondern meine liebste Fortbewegungsmethode. D e m i s t n i c h t m e h r s o. Bei steigenden Temperaturen fange auch ich an, die Langsamkeit zu entdecken und auf einheimisch z u l a t s c h e n und z u s c h l ü r f e n. Auch wenn es nicht schweißtreibend wäre: Selbst wenn ich wollte, ich könnte mich gar nicht schnell bewegen. Ein natürlicher Selbstschutz setzt ein, der nicht nur die Waden vor der Überhitzung rettet, sondern vor allem das Gehirn. Das Empfangen und Senden von Nachrichten reduziert sich ohne mein bewusstes Zutun auf ein Minimum. Ich verstehe plötzlich, warum meine hiesigen Rechnungsprüferkollegen ab Khmer-Neujahr keine Dreisatzaufgaben mehr lösen können (wenn sie denn überhaupt das Mathematik-Problem an sich erkennen). Das Gehirnkastel wird vor allzu viel Akrobatik geschützt, das Programm schaltet sich jetzt um - auf freundliches Grinsen. Was ich noch sagen wollte ... Wahrscheinlich wollte ich ja nichts sagen. Ich lächele euch einfach freundlich zu, betrachte die Mücke auf meinem Handrücken (was sie da wohl zu suchen hat?) und lasse den Schweißtropfen von der Nase perlen.


Wenn die gelben Blütentrauben der Straßenbäume mein Auge erzücken und die unreifen Mangos des Nachbarn mit Gepolter auf mein Dach fallen, dann tue ich mich schwer mit dem April. Er ist in Kambodscha des Jahres heißester Monat.


Helga aus dem Königreich der Khmer.
Phnom Penh, 27. April 2008.


© Mimi Productions

Der Gott der Betonformteile

März 2008.


Der Gott der Betonformteile.
Ein Ausflug in Kambodschas Sakral-Bauindustrie.





Es muss einen geben – und der ist mit Sicherheit Kambodschaner: der Schutzgott der Betonindustrie. Da ich seiner offenbar als erste gewahr geworden bin, darf ich ihm auch einen Namen geben. Das ist schlieβlich das Verdienst eines jeden Entdeckers. Ich nenne ihn also: Preah Beton. “Preah” ist ein schönes Khmer-Wort und bedeutet soviel wie heilig oder göttlich. Die Eigenschaft der Heilig-Göttlichkeit fängt bereits bei der königlichen Familie an und hört beim Buddha auf, dem Preah Bodh. Der Premierminister, der schon andere Ehren-Titel trägt, wird von diesem zur Zeit noch ausgeschlossen. Das kann sich schon bald ändern. Im Juli wird gewählt. Geht alles erwartungsgemäβ vonstatten, dann werden die Regierenden fester als jetzt im Sattel sitzen, und wer weiβ, was dann noch heilig bleibt und bald schon göttlich wird. Preah Beton derweil wacht über die Zementierung des Landes.


Täglich finde ich neue Spuren seines vielfältigen Wirkens. Sein Einsatzort: überall im Königreich. Sein Spezialgebiet: Formteile. Sein Lieblingsprodukt: Buddha-Statuen und ähnlich Sakrales. Sein bevorzugtes Protektorat: Tempel-Neubauten und Tempel-Renovierungen (Innenräume und Auβenflächen). Obwohl auch Profanbauten sich gern unter seinen Fittichen scharen, werde ich diesen Aspekt für heute auβer Acht lassen müssen. Er erfordert spezielle Untersuchungen und soll ein anderes Mal behandelt werden. Eine hochinteressante Baustelle habe ich mir dazu schon ausgeguckt, an der Phnom Penhs erster Wolkenkratzer entsteht, geplant mit bescheidenen 42 Stockwerken. Für diesen “Gold Tower 42” lautet der Spruch aus der Werbung (wiedergegeben im Original-Englisch): “The world class skyscraper of residence!” Doch bei über 3.300 bereits fertiggestellten und unzähligen in Bau befindlichen Pagoden erübrigt sich eine Erweiterung meines Untersuchungsobjektes ohnehin.


In einem Land ohne Kirchensteuer, mit vielen gläubigen armen und wenigen sehr reichen Menschen steht das Mäzenatentum für Tempel und Klöster hoch im Kurs. Jeder spendenfreudige Buddhist und jede spendenfreudige Buddhistin interessiert sich ganz nebenbei fürs eigene Beste: So vergröβern sich die Chancen, im nächsten Leben als höhere Lebensform, vielleicht als Säugetier, ja gar als Mensch wiedergeboren zu werden. Ich selbst war im letzten Jahr Augenzeugin einer Sammelaktion für einen Wat und staunte nicht schlecht, als die vielen Scheine ausgezählt waren und die immense Summe von 40.000 US$ (in Worten: vierzigtausend US-Dollar) ergaben. Und all dies Geld, zumindest der gröβte Teil davon, fand seinen Weg in die Betonmischmaschine der Mönche! Der Rohbau einer groβen Halle thront inzwischen über der Tempelanlage.


Ich danke der deutschen Zement- und Betonindustrie für die simple Erklärung, warum Beton sich in Kambodscha so großer Beliebtheit erfreut: “Das Grundrezept für Beton ist einfach, und was man für ihn braucht, das liefert die Natur: Zement aus Kalkstein und Ton und als so genannte Gesteinskörnung Sand und Kies und schließlich Wasser. Der Zement spielt dabei die entscheidende Rolle, denn er bildet zusammen mit dem Wasser den Zementleim, der die Gesteinskörnung verbindet und dadurch erst ein hartes Gestein entstehen lässt.” Die Altvorderen der Khmer leerten ihre Steinbrüche schon vor achthundert bis tausend Jahren für Hindugötter- und Buddha-Behausungen, schufen damit das beeindruckende Weltkulturerbe von Angkor und initiierten zugleich eine bis heute andauernde Nachfrage für Kunststein. Denn das einst waldreiche Kambodscha wandelte seine schönsten und größten Bäume längst in revolutionäre AK-47, in nachrevolutionäre japanische Autos und in neuzeitige koreanische Elektrogeräte um, was auch den klassischen Baustoff Holz hat rar werden lassen. Nun bieten sich heimischer Kalk, Ton, Sand und Kies zur Ausbeute an, und zu ihrer Gewinnung verschwinden bereits überall im Königreich die kleinen Berge: Sie werden einfach abgebaggert und zu Beton verarbeitet, damit bald jedes Dorf seinen eigenen Wat besitzt, vielleicht auch zwei oder mehr, je nach Spendenfreudigkeit. Ich bin kürzlich von Phnom Penh nach Battambang gefahren und konnte es rechts und links der Nationalstraße 5 gut beobachten: Ein Tempel-Eingangsbogen (aus Betonformteilen) folgt dicht auf den anderen; die kleinen, ringsum verstreuten Hügelchen, längst schon entwaldet, sind zur Hälfte abgetragen und werden sich bald dem Land der Reisfelder angleichen, das sich platt und überschaubar bis zum Horizont erstreckt, von nur wenigen Königspalmen überragt.


Nun will ich keineswegs einem betonsparenden Atheismus zum Munde reden: Das buddhistische Kambodscha erfährt durch seine Pagoden eine unschätzbare Bereicherung, weil diese nicht nur der Besinnung und der Buddha-Verehrung dienen, sondern auch Zufluchtstätten für Mittellose, Alte und Kranke sind, Gemeinschaftszentren für die Dorfbevölkerung, Bildungsstätten für Kinder und Wissbegierige. Doch wenn ich all diese Bauaktivität sehe, dann zweifle ich die Maxime an: Beton unter allen Umständen! Beton unter allen Umständen? Und so viel davon? Auch wenn einfacher, kostengünstiger, haltbarer oder schlicht ästhetisch ansprechender produziert werden könnte? Es wird fast ohne Ausnahme alles aus Beton gemacht, möglichst gern als praktisches Formteil: die Tempelmauereinfassung und die Dekorationsteile auf der Mauerkrone, die karyatidengleichen Figürchen, die an den Hallenwänden hängen und die Dächer mit dünnen Ärmchen zu stützen suchen, die Schmuckbänder der Stupas. Dabei werden die Muster der Altvorderen aus Angkor eingehalten, denn hier lebt in allem die Wiederholung des ewig Gleichen, gern auch simplifiziert: So sind alle Tempel-Anlagen mit identisch aussehende Nagas (Wasserdrachen) verziert, und die Buddha-Statuen scheinen geklont. Unbeschränkt Phantasievolles ist nur bei Ausflügen in den Nicht-Khmer-Mythenraum erlaubt, z.B. bei der Fabrikation von Meerjungfrauen (!), griechischen (!) Athleten und chinesischen Fabeltieren (!), die – aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen – Eingang in den Tempel-Skulpturengarten gefunden haben. Qualitätsansprüche ans Material zu stellen, wäre allerdings verwerflich. Die deutschen Normen erfordern schlieβlich ein ernsthaftes Ingenieurstudium, dafür ist es hier viel zu heiβ. So lugen nach wenigen Jahren in kambodschanischer Tropensonne und Monsunregen die Drahtkonstruktionen aus zerbröselnden Artefakten, deren Entstehungsjahr und Stifter fein säuberlich an sichtbarer Stelle (für die Nächstleben-Statistik) vermerkt sind; die Oberflächen platzen auf, und Wehmut stellt sich bei der Betrachtung ein ob dieser längst verblühten Schönheit. Allein, es wird neu produziert, neue Spender sind zur Stelle, und neues Beton wird neben altes Beton gestellt, auf dass einem möglichen Horror vacui schnellstmöglich vorgebeugt sei.


Ich wiederhole mich: Ich habe an sich nichts gegen Beton. Es ist alles eine Frage der Menge. Die deutsche Zement- und Betonindustrie lobt ihn als “Baustoff des 20. Jahrhunderts”, der “beeindruckende Ingenieurleistungen vom höchsten Gebäude der Welt über gigantische Staudämme bis hin zu Brücken von früher unvorstellbaren Spannweiten” ermöglicht habe und ein “Werkstoff weltberühmter Architekten” sei, die damit “Aufsehen erregende Bauwerke” geschaffen hätten. Und schlieβlich erfreue Beton ja “auch im Kleinen” – “sei es als Gestaltungselement für den Garten, als Kunstobjekt oder Heizkörper”. Nun, mit Heizkörpern zumindest hat man es hier nicht so. Doch wenn die deutsche Zement- und Betonindustrie vorausschauend urteilt: “Die Chancen, dass Beton auch der Baustoff des 21. Jahrhunderts wird, stehen gut”, so kann ich nur zustimmen. Kambodschas Sakral-Architektur spricht für sich: kein Zweifel, Preah Beton ist der erfolgreichste Schutzheilige dieses Landes.


Helga aus dem Königreich der Khmer.
Phnom Penh, 8. April 2008.


© Mimi Productions

Die Ratte kömmet

Februar 2008.


Die Ratte kömmet.
Ganz Phnom Penh im Chinatown-Kostüm.





Inzwischen habe ich einen Mehrzweck-Kalender in Mehrfach-Sprachen. Die Neujahrserfahrungen des vergangenen Jahres, über die ich in meinem April-Bericht nachdachte, waren der Anlass für diese überaus nützliche Anschaffung: Ein nur auf den ersten Blick simpler Abreisskalender informiert mich täglich über das Datum (laut gregorianischem Jahr, Khmer- Buddha-Zeitrechnung und chinesischem Mondkalender) und gibt mir wesentliche Lebenshilfen ("Drachen-Geborene müssen heute besonders vorsichtig sein - der Tag ist als Hunde-Tag für Drachen inkompatibel", "Heute nicht zum Friseur gehen – der Mond verbietet Haarschnitt und Hochzeit" – wir kennen das aus dem Bäckerblumen-Horoskop und wissen damit hinreichend Sinnvolles anzufangen). Leider sind die täglichen Überlebenstipps nicht ins Englische hinübergerettet – aber inzwischen besitze ich ausreichend Lehrpersonal, das mich bei der praktischen Umsetzung aus Khmer-Nudelschrift und China-Langzeichenpinselei berät. Ich fühle mich in geradezu leichtsinniger Weise polyglott.


Der 7. Februar 2008 leuchtet mich aus meinem Kalender in ekstatischen roten Zeichen an: CHINESISCH!!! NEUJAHR!!! Das 2007er Schwein darf zurück ins Schlammbad; der neue Zwölf-Jahreszyklus beginnt 2008 mit einem Nager, der in der deutschen Übersetzung sowohl "Maus" als auch "Ratte" heiβt. Den Chinesen ist das eine wie das andere "lăo shŭ" 老鼠. Und siehe da – kurz vor dem Festtag hängen Micky- und Minimaus-Papierbildchen an Heim und Hof und bebrillte Leseratten-Konterfeis bei den Nachbarn, anything goes.


Plötzlich entdeckt Phnom Penh seine chinesischen Familienbande. Wie flächendeckend hier das chinesische Neujahrsfest gefeiert wird, war mir im letzten Jahr so gar nicht aufgefallen. Auf einmal ist jeder Phnom Penhese irgendwie mit chinesischen Vorfahren oder engsten Verwandten gesegnet, was sich (und/oder/auch) mit den drei Feiertagen (mehr oder weniger offiziell, aber rot in meinem Kalender vermerkt) erklärt. Rote Papierlampions schmücken sogar die kleinste Hütte, Spruchbänder mit Wünschen für ein langes Leben und viel Gesundheit (in goldenen chinesischen Schriftzeichen) kleben rechts, links und über den Eingängen von Geschäftsräumen und Wohnungen.


Man muss sich auf die Festlichkeiten gut vorbereitet haben, sonst wird man böse überrascht: Die Feiertage werden auch von den Straßenhändlern und Restaurants wahrgenommen, und das heisst: (Fast) alles wird dicht gemacht für eine gute Woche. Wer sich nicht auf Vorrat versorgt hat, mag vor der verschlossenen Tür des Lieblingsrestaurants mit leerem Magen (ver)enden. Auf dem O'Russei-Markt sind die Händler zu 95 % Sino-Khmer und beim Olympischen Markt zu 80 %. Von den 2.800 Händlern des bekanntesten Marktes in Phnom Penh, dem Psah Thmei (Touristen ist er unter dem Namen "Central Market" bekannt), wollen die meisten über die Feiertage nicht arbeiten, egal, ob chinesisch verbandelt oder nicht – so die englischsprachige Tageszeitung "The Chambodia Daily" vom 7. Februar 2008. Dafür machen die, die ihre Stände geöffnet halten, gute Geschäfte: Ich staune nicht schlecht, als meine Drachenfrüchte plötzlich doppelt soviel kosten sollen wie sonst. "Chinese New Year!", grinst die Verkäuferin, sie hat das Monopol und ich das Nachsehen.


Meine Khmer-Lehrerin Kamrang hat natürlich auch ganz viel chinesisches Blut, die Großmutter kam aus China, und so weiss Kamrang auch, wie "die" Chinesen in Kambodscha ihr Neujahrsfest begehen. Sie hat Glück: Sie wohnt in Takmao, vor den Toren von Phnom Penh, wo einer der grössten chinesischen Tempel der Region seine Dienste anbietet. Bevor ich mich dorthin begebe, betreibe ich ein wenig chinesische Ahnenforschung.


Kambodscha beherbergt chinesische Gäste und Einwanderer seit ungefähr 2.000 Jahren, so dass Chinesisches in diesem südostasiatischen Land mehr oder weniger versteckt überall anzutreffen ist: im Aussehen seiner Menschen, in der Kleidung, auf dem Speiseplan, in der Sprache und auf den Blechschildern der Läden. Es gibt berühmte Reiseberichte wie die von Zhōu Dá Guān周达观, der das Land im Auftrag seines Kaisers um 1296 n.Chr. bereiste. Angehörige von fünf Dialektgruppen aus Südchina nennen Kambodscha seit langem ihre Heimat: Teochiu, 潮洲(cháozhōu); Kantonesen, 广东 (guăngdōng); Hainanesen, 海南 (hăinán); Hokkien, 福建 (fújiàn); und Hakka, 客家(kèjiā). Alle brachten ihre unterschiedlichen kulturellen Gepflogenheiten mit und versuchten, sie zu erhalten. Nach Unterdrückung und Verfolgung unter dem Lon Nol-Regime und Pol Pots Khmer Rouge gründeten sie inzwischen neue Schulen und landsmannschaftliche Vereine und eröffneten ihre Tempel wieder. Doch sprechen nicht mehr alle chinesisch, und das Beherrschen der Schrift ist auch nicht mehr selbstverständlich. Wenn die Kleinen auf eine der vielen chinesischen Privatschulen geschickt werden, erlernen sie dort eher das Beijinger Hochchinesisch anstatt eines südchinesischen Dialektes.


Die Volksrepublik China gehört zu den gröβten Geberländern in der hiesigen Entwicklungszusammenarbeit, macht dies aber weniger publik als die anderen. Der kambodschanische Ministerpräsident muss sich ihr gegenüber zu Menschenrechtsverstöβen und dem Fehlen eines Anti-Kooruptionsgesetzes nicht erklären, nur auf die Einhaltung der Ein-China-Politik im Hinblick auf Taiwan legt der groβe Nachbar Wert. Zum Monatsbeginn stattete der chinesische Auβenminister Yang Jiechi dem Land einen Besuch ab, und es wird gemunkelt, dass der kambodschanische Informationsminister sich täglich in die chinesische Botschaft zum Lunch einladen lässt.


Ich nehme ein Tuk-Tuk nach Takmao, eines dieser ganz wunderlich-praktischen Beförderungsmittel aus Motorrad-cum-Anhänger, mit denen man überall in Südostasien innerhalb eines 50 km-Perimeters wunderbar verkehren kann. Mein Tuk-Tuk-Fahrer, Herr Thi, mit niemand aus China verbandelt und insofern für diese Fahrt kulturell neutral, hat natürlich keine Ahnung, was es in Takmao alles an wunderbaren Orten gibt. Von einem großen chinesischen Tempel dort hat er noch nie etwas gehört. Das ist absolut normal. Solche Unwissenheit stört weder Fahrer noch Fahrgast. Doch damit aus den geplanten 20 motorisierten Minuten keine langen Stunden werden, muss ich darauf beharren, dass mein Tuk-Tuk-Fahrer nach dem Weg fragt. Das macht er nicht so gern, ich weiss. Dabei ist es – wie sich bald herausstellt - gar nicht schwer: geradeaus nach Süden und am Fluss Tonlé Bassac entlang, bis es am rechten Straßenrand so richtig lebendig wird. Dort ist DER chinesische Tempel.


In China wird das Neujahrsfest leichtsinnigerweise "Frühlingsfest" genannt, obwohl es dann im Norden wie zum Beispiel Beijing noch empfindlich kalt und winterlich sein kann. Hier heisst es einfach nur "Chinesisches Neujahr" und findet bei hochsommerlichen Temperaturen statt. Die Tempelgötter in Takmao sind keine Buddhas, sondern südchinesische Lokal-Heiligkeiten und werden von ganzen Familien umlagert, die ich bei näherer neugieriger Betrachtung als nicht so besonders chinesisch empfinde. Es sind einfach auch sehr viele. Gern trampeln mir die lieben Kleinen auf den großen Zeh, sie haben ja sonst nichts zu tun – stille Andacht und inniges Gebet sind jetzt nicht auf der Agenda.


Es ist eh schon so heiss, und dann werden auch noch überall rote Kerzen angesteckt. In kleinen Öfen brennt goldbedrucktes Totengeld (damit sich die Verwandten im Jenseits mal wieder etwas leisten können) und hebt die Temperatur zusätzlich an. Die Weihrauchspiralen, die von der Decke hängen, verbreiten einen blindmachenden Rauch. Und so gerate ich im Gedränge in akute Atemnot. Ein junger Tempelangestellter, der ein wenig für Ordnung sorgt (er achtet darauf, dass umfallende Kerzen den bunten Gewändern der Tempelgötter fern bleiben), hat's richtig gemacht: Er trägt eine Sonnenbrille, an deren Bügeln er elegant einen nassen Waschlappen als perfekten Mundschutz befestigt hat.


Wieder zurück in Phnom Penh, geht das bunte Treiben weiter, aber punktuell, und ich muss gut aufpassen, will ich einen Löwentanz erwischen. Nur die sehr reichen Geschäftsleute engagieren zur Belustigung ihrer Kundschaft solche Löwentanzgruppen mit ganzen Spielmannszügen und lassen sie vor und in den Geschäften herumspringen. Das dauert dann ungefähr eine lustige Viertelstunde: Der Vorderteil-Löwentänzer schwingt den Pappmaché-Kopf wie ein sehr wilder Löwe sehr wild hin und her, während der Hinterteil-Löwentänzer versucht, den taktvollen Anschluss und seine andere Hälfte nicht zu verlieren. Wenn beide Tänzer (also der gesamte Löwe) ermattet sind, stellen die Musikanten ihre Paukerei und Gongerei ein, und alle ziehen zufrieden ab. Ich empfinde viel Bewunderung für solche Khmer-Löwen chinesischer Prägung: Bei Minustemperaturen ist dieses schweißtreibende Geschäft nicht halb so anstrengend wie in der Tropenhitze, bei einem Volk, das nicht einmal gern zu Fuß geht. Ich latsche glücklich heim und werfe einen abschlieβenden Blick in mein Jahreshoroskop. Dort steht: Die Erd-Ratte ist gut zum Wasser-Drachen, also mir. Mein Vermieter jedenfalls war schon gut zu mir. Auf dem Esstisch finde ich seinen Neujahrsglückwunsch und einen Teller mit Mandarinen. Die orangefarbene Schale der Früchte wird am Neujahrstag mit Gold und Reichtum assoziiert – so will mir mein chinesischstämmiger Vermieter fürs neue Jahr wünschen: gōng xĭ fā cái! 恭喜发财!


Helga aus dem Königreich der Khmer.
Phnom Penh, 3. März 2008.


© Mimi Productions

Die ganze Stadt auf Rädern

Januar 2008.


Die ganze Stadt auf Rädern.
Alles dreht sich um den fahrbaren Untersatz.





Morgens kann man Fußgänger in Phnom Penh beobachten. Sie sind nicht zu übersehen, denn sie tragen leuchtend orangefarbene Gewänder und - wenn das Wetter es erfordert, d.h. bei Sonnenschein und bei Tropenregen - strahlend gelbe Schirme. Der Anblick ist überall in Südostasien ein großes Vergnügen für die Touristen und harsche Realität für die Betroffenen: Buddhistische Mönche erbetteln sich ihr täglich Brot, also ihre Tagesration Reis. Was immer ihnen gegeben wird, wandert in ihren krugartigen Speisetopf. Den tragen sie am Gurt über der Schulter wie ich meine Handtasche. Sie müssen vor 12 Uhr mittags die letzte Mahlzeit, die für manche die einzige ist, gegessen haben und gehen deshalb zum Frühstückfassen früh aus dem Haus. Nach den strengen Ordensregeln dürften sie dabei nicht einmal Schuhwerk tragen. Doch zum Glück setzen sich die meisten in Phnom Penh darüber hinweg: Gesund kann nämlich ein Barfuß-Spaziergang über diese Gehwege und Fahrdämme nicht sein, die als flächendeckender Mülleimer betrachtet, aber weniger häufig als unsere Abfalltonnen daheim gesäubert werden. Abgesehen von den Mönchen, einigen Schulkindern, Bettlern, verträumten Urlaubern aus wohlhabenden Ländern und mir meidet der durchschnittliche Phnom Penhese den Gehweg, außer er sitzt bereits auf einem Fahrrad oder Moped, vorzugsweise in einem Auto, das gern auch etwas größer sein darf.


Warum der Kambodschaner nicht gern läuft – weder an sich noch spaziergangsmäβig zum Vergnügen - erklärte mir ein Kollege ziemlich plausibel: Zum Laufen ist es einfach viel zu heiβ. Ich kann das aus eigener, verschwitzter Erfahrung nur bestätigen. Aber ich – und da scheiden sich halt die Geister und die Körper – muss dem mir eigenen Bewegungsdrang nachgeben, ob das nun schweiβtreibend ist oder nicht. Die kambodschanische Diabetesgesellschaft stellte kürzlich fest, dass Bewegungsmangel, zuviel Salz und zuviel Alkohol zu einer Zunahme von Bluthochdruck- und Zuckerkranken in Kambodscha führen werden: Mehr als 10 Prozent der Über-20jährigen auf dem Land haben Anzeichen von sich entwickelnder Diabetes.


Eine kleine vergnügte Linkspartei verlor einmal die Berliner Wahlen, die für sie durchaus erfolgreich hätten verlaufen können, weil sie sich auf das Thema "autofreie Stadt!" versteift hatte. In Kambodscha käme niemand auf dieses Wahlmotto, weder in Phnom Penh noch in der Provinz ("autofreie Provinz!" – wie albern das klingt ...), jedenfalls nicht, so lange es überhaupt noch irgendwo Sprit gibt. Auch der Premierminister meinte doch wohl bloß scherzhaft, dass die Staatsdiener mit ihrem staatlichen Benzin sparsamer umgehen müssten. Wie sollte man sich ein von ihm angeregtes "car sharing" vorstellen – ein Minister im selben Vehikel wie eine Kindergärtnerin oder ein Grundschullehrer: Das soll doch wohl ein Witz sein, nicht wahr! Nein, nein, Seine Exzellenz wollte uns sicher alle mal wieder zum Lachen bringen, als er mit Blick auf die gestiegenen Rohölpreise am ersten Januarwochenende zum Sparen anregte.


Nach meinen inzwischen einjährigen Beobachtungen, bei denen ich auf vor langer, langer Zeit Gelerntes zurückgreifen konnte (mein erster Lebensgefährte war schließlich Autoverkäufer – da bekommt sogar jemand so Autotumbes wie ich einen Blick dafür!), hat Phnom Penh weltweit die höchste Dichte an Luxuskarrossen. Erst hier lernte ich, was ein Lexus ist: So heiβt die Edeltochter von Toyota, die sogenannte "Luxury Utility Vehicles" produziert. Hier verkauft sich das jeepartige Modell mit Allradantrieb sehr gern. Die kleine Variante RX ab 37.000 US$, die größere (die man weitaus häufiger sieht) kostet schon 67.000 US$ - vor Steuern und Einfuhrzoll, versteht sich. Aber beide Staatseinnahmen führen in Kambodscha sowieso ein Mickerdasein, weshalb auch viele Autos ohne Kennzeichen herumchauffiert werden. Und erst hier konnte ich einen Blick auf einen Hummer werfen. Letzterer ist in diesem Zusammenhang keine mit Mayonnaise genießbare Edelspeise, sondern das Lieblingsfahrzeug des kalifornischen Gouverneurs Arny Schwarzenegger. Es handelt sich um einen militärisch anmutenden Jeep, dessen Listenpreis sechsstellig ist (in US$, nicht in der Landeswährung Riel).


Doch es wird – so kann ich die Ökologen unter meinen Lesern beruhigen – nicht nur gefahren in Kambodscha. Besonders das Motorrad verkörpert ein beliebtes Sitzmöbel, das über auch Hängematten-Qualität verfügt. Wie schaffen sie bloß, beim Mittagsschlaf nicht abzustürzen, wenn sie sich auf ihren Mopeds ausgetreckt in ihre Träume versenken. Beeindruckend fand ich auch einen Studenten der Royal University of Cambodia auf der Honda mit seiner auf den linken Ellbogen gestützten Lesehaltung, die Beine elegant abgeknickt, die Schlappen sorgsam neben das Gefährt gestellt. Natürlich fand ich auch hinreiβend - abgesehen von der Haltung -, dass da jemand einfach so liest. Ich kann versichern: Es ist wirklich ein Buch, denn ich habe mich von der anderen Seite der Mauer an den Leser herangepirscht und zuerst nicht wahrgenommen, dass er auf seinem fahrbaren Untersatz sitzt. Von der bunten Welt der Motorrad-Taxis und Tuk-Tuk-Fahrer, der Schweinetransportmopeds (vier Ferkel passen da rauf oder zwei ausgewachsene Borstenviecher) und den Familienmopeds (alle sitzen hintereinander, inklusive Baby und Oma) werde ich ein anderes Mal erzählen.


Sehr überraschend und vertraut fand ich eines Abends nach Büroschluss eine Sechserkolonne von Fahrrädern, Marke „Fei Ge“ (Fliegende Taube), Herkunftsland: China, die – tatsächlich! der Klassiker der chinesischen Fahrradproduktion! - anachronistisch und wie selbstverständlich in die Einbahnstraße 51 in verbotener Richtung, doch in geordneter Formation einbog. Da zogen sie an mir vorbei, freundlich grinsende und laut schwatzende Chinesen, unverkennbar, in blauer Arbeitskleidung, einer pfiff vergnügt. Kurzzeitig glaubte ich mich im falschen Land - aber da sind sie schon entschwunden. Und kamen mir so lebendig vor, wie eine kleine verschworene und unerkannt gebliebene Kompagnie auf heimlichem Eroberungsfeldzug. Ob das den steif auf dem Moped und unbeweglich im Auto sitzenden Kambodschanern aufgefallen ist? Achtung, die Chinesen kommen, mit all ihrer Macht auf dem Fahrrad!


Helga aus dem Königreich der Khmer.
Phnom Penh, 6. Februar 2008.


© Mimi Productions

Die Hochzeit im ehemaligen Gefängnis

Dezember 2007


Die Hochzeit im ehemaligen Gefängnis.
Paillettenbustiers, Whiskey im Wasserglas und Kaugummi in Goldpapier.





O je – das ist hier also der Dezember, denke ich. Die KÜHLE Jahreszeit. Und warum steigt das Thermometer wieder auf über 30 Grad??? Es gibt inzwischen Weihnachtsmänner in Phnom Penh (aufblasbar wie Gummitiere fürs Schwimmbad und riesengroß), und in manchen Läden laufen die Verkäuferinnen kichernd mit roten Bommelmützen herum. Den Weihnachtsmann halten sie für den Christengott, und eigentlich ist ihnen (naturgemäβ) unter der Kopfbedeckung viel zu heiß. Ich fühle mich für weihnachtliche Lieder auch zu verschwitzt, obwohl ich tatsächlich mit Kollegen und ihren Familien eine Mekong-Fahrt unter Absingen von "Stille Nacht" und "Morgen, Kinder, wird's was geben" absolviere, ganz zünftig mit selbstgebackenen Plätzchen und Glühwein (jawohl! mit GLÜHwein!). Trotzdem wird mir dieser Dezember nicht deshalb in besonderer Erinnerung bleiben, sondern weil ich zum erstenmal zu einer Hochzeit eingeladen war, bei der die Braut und ihr Gefolge funkelten und glitzerten wie der schönste Baumschmuck bei uns am 24. Dezember. Es war ein Ereignis!


Ich habe zwar keine Erfahrung mit dem Ausrichten der eigenen Hochzeitsfeierlichkeit, aber ich weiβ jetzt definitiv: So einen Herdenauftrieb, wie ich ihn in Phnom Penh erlebt habe, könnte ich als Braut weder kräfte- noch portemonnaiemäßig ertragen. Schon als geladener Gast und nur zum Sitzen und Essen verdonnert, bringt mich die Veranstaltung an den Rand meiner physischen und psychischen Möglichkeiten. Ich werde versuchen, mich in geordneter Folge zu erklären.


Es fängt alles harmlos mit einem zartgelben Umschlag an. Der ist wunderschön in goldener Nudelschrift – man erinnere sich – verziert und führt dann korrekt und mittig, in langweiligen lateinischen Lettern, meinen vollen Vor- und Zunamen auf. Kollege Sothear strahlt mich bei der Übergabe an: "Ich heirate!" Ich kann nicht sagen, ich wäre nicht gewarnt worden – ich habe eine vage Vorstellung davon, was es heißt, in Kambodscha am Ritual einer Hochzeitsfeierlichkeit teilzunehmen. Schließlich stolpert man jetzt alle Nase lang auf dem Bürgersteig über abgesperrte Gebiete: Unter rot-gelben Markisen stehen Tische dichtgedrängt, hier speist das Hochzeitsvolk, das ohne Sondergenehmigung, gern auch tagelang, öffentliches Straßenland bevölkert. Aber meine Einladung zum abendlichen Empfang führt mich in eine besondere Lokalität.


Zum Glück habe ich den Kollegen Reaksmey, der mir die hiesige Welt erklärt und sich damit bei mir eine Goldmedaille als Held der Khmer-Kulturvermittlung verdient hat. Die Einladung ist für den Nachmittag ausgesprochen, da können wir also gleich vom Büro aus hinfahren. Ich packe des Morgens den langen Rock in die Plastiktüte und ziehe mich zu gegebener Zeit auf dem Rechnungshof-Klo um. Während der Gentleman eine kambodschanische Hochzeit auch im Polohemd durchleben darf (nur als Gast, wohlgemerkt – nicht als Bräutigam), wird von dem weiblichen Pendant eine Transformation erwartet, die ich – wie ich bald feststellen werde – nur bedingt erfolgreich absolviert habe. Soviel Beperltes – soviel Vergoldetes – soviel Gerüsche und Geraschel! Zunächst aber gilt es für mich, die Fahrt vom Rechnungshof zum Tatort Hochzeitsrestaurant unbeschadet zu überstehen. Schon bald sitze ich wie Kriemhild auf ihrem Zelter, d.h. im Damensitz auf Reaksmeys Moped. Plötzlich verstehe ich, warum ich so häufig einen einzelnen Damenschuh auf der Straße finde: Mädels, setzt euch doch einfach mal seitlich auf ein Moped und versucht, keinen eurer Latschen zu verlieren. Bedingung dabei ist natürlich, dass ihr nur einen Fuß abstellt. Genau: Eine hohe Erfolgsquote beim Vorweisen der vollständigen Fußbekleidung ist nur bei Erfahrung auf dem Rücken eines Zirkuspferdes garantiert. Die fehlt mir zwar, doch hole ich mir einen leichten Krampf im Spann und keinen Aschenputtel-haften Verlust.


"Weißt du eigentlich, wo wir sind?" fragt mich Reaksmey, als ich, ein wenig steif, von meinem Sitz hinabgleite. Nun ja – dieses Restaurant ist ziemlich riesig, und ich habe keine Ahnung: Im Gegensatz zu mir weiβ jede/r in Phnom Penh, dass das hier einmal ein Knast war. Wie so vieles staatliche Eigentum der prosperierenden Hauptstadt ist auch dieses in private Hände überführt worden. Und so bin ich denn auf meiner ersten Hochzeit ... im Knast. (Nomen est omen?)


Figuren wie aus dem „Indischen Grabmal“ von Fritz Lang, sprich: wie aus dem Film, stehen als Begrüβungskomitee am Eingang, rechts der Bräutigam und seine Mannen, links die Braut und ihre Jungfern. Während ich Sothear trotz seiner goldverbrämten Uniformjacke noch erkenne, wird mir das beim nächsten Treffen mit der Braut nicht gelingen, wenn sie nämlich wieder wie ein Mensch aussieht. Jetzt trägt sie unter einer strassverzierten Tiara eine Langhaar-Lockenperücke und ist bis zur Unkenntlichkeit geschminkt. Wie man beim Film sagt: Sie war „in der Maske“, eine Khmer-Kleopatra mit falschen Wimpern, weiβ gepudert und rot bewangt. Ihre glänzende Kostümierung ist der Kleidung der Apsara-Schwebeengel aus Angkor nachempfunden – und drei Wechsel der Brokatgewänder werde ich in den knapp drei Stunden meiner Anwesenheit miterleben dürfen.


Am Spalier des Brautpaares und seiner Entourage vorbei werden wir ins Innere des Restaurants an einen runden Tisch geführt – und da Reaksmey und ich hier Gast Nr. 9 und Gast Nr. 10 sind (und jeder Tisch für zehn gedeckt ist), kommen sofort die Speisen. Wir essen Köstliches. Mehr können wir auch unmöglich machen, denn bis zum Geräuschebrei verzerrt, dafür aber herzzerreiβend laut dröhnt uns über eine Riesenlautsprecheranlage die Live-Musik ins Ohr. Die acht Herren an unserem Tisch lassen sich davon nicht verdrieβen – sie genieβen: Auf dem Tisch steht eine bald schon halb leere Flasche Whiskey. Auf russische Art füllen die Herren ihre Wassergläser und werden bald so laut wie die Musik. Sehr hübsche junge Damen schweben von Tisch zu Tisch und verteilen in Goldpapier eingewickelte Päckchen. Nach neugierigem Auswickeln bin ich doch etwas enttäuscht: Es ist Wrigley’s Spearmint, der Klasssiker in Grün-Weiβ.


Nach etlicher Zeit legt sich Erschöpfung nicht nur auf meine Ohren. Daher bin ich froh, als mein Begleiter zu anderen Verpflichtungen aufbricht und mir eine Heimfahrt auf dem Moped anbietet. Was mir folglich in den kommenden Stunden entgehen wird: die zweite Live-Band, noch mindestens drei Umkleidungen der Braut und eine des Bräutigams, der Anblick verschiedener Volltrunkener (sicher sind bald acht davon an unserem Tisch), ein Kreistanz in Zeitlupe, „Ramvong“ genannt, bei dem die Paare ihre Hände in Blumenbinderinnen-Gesten umeinander winden, und andere Lustbarkeiten.
Beim Gehen wird gezahlt. Nein, nein, nicht beim Ober für das Essen: Hier beglückt man das Hochzeitspaar (und die zahlenden Eltern) mit Geldgeschenken. Dazu muss man seinen Namen auf den Umschlag schreiben und kann sicher sein, dass Buch geführt wird: Nur das, was ich Sothear jetzt in das Kuvert gelegt habe, kann ich von ihm als Geschenk bei meiner Hochzeit zurückerwarten. Ob allerdings die Summe aller Umschlaginhalte zur Refinanzierung dieser Veranstaltung reicht, wage ich zu bezweifeln. Heiraten in Phnom Penh ist mehr oder weniger teuer, hier die Durchschnittspreise:


- Miete für Kleidung von Bräutigam/Braut (pro Nase) inklusive Make-up und Garderobiere, je nach Anzahl der Kleidungswechsel (drei- bis siebenmal) – US$ 250-750
- Bild-/Tonaufzeichnung – US$ 150 (VCD), US$ 180 (DVD), US$ 0,40 pro Foto
- Live-Band – US$ 170 – 250
- Dekoration (Blumen u.ä.) – US$ 60-180
- Miete pro Tisch (8-10 Stühle) – US$ 10-16
- Essen (pro Tisch) – US$ 60-150
- Getränke (ohne Alkohol, pro Tisch) – US$ 15
- zusätzliche Miete für das gesamte Restaurant und seine Infrastruktur (d.h. inklusive der Umkleideräume für die Brautleute) – US$ 150-380.


Man rechne mal zusammen! Kann es sein, dass ich 50 Tische gezählt habe? Beim Gehen fällt mir auf, dass das Restaurant eine Terrasse hat – und auch dort wird lustig-laut gefeiert - und es gibt offenbar drauβen so viele Tische wie drinnen!


Und was macht so ein Brautpaar, wenn der Abend und das rauschende Fest vorüber sind? Meine Sprachlehrerin Kamrang klärt mich auf: Das junge Paar wird für die erste Zeit seiner Ehe bei den Eltern der Ehefrau wohnen. Warum das? Na, der elterliche Rat – so sagt sie – wird doch gebraucht, die jungen Leute haben doch KEINE Ahnung vom gemeinsamen Eheleben!


Heute, Kinder, wird’s was geben – heute werden wir uns freu’n – welch ein Trubel, welch ein Leben wird in uns’rer Bude sein ... Was dem einen seine Weihnacht ist, das ist dem anderen seine Hochzeit. Auf dass es ein Leben lang halten möge!


Helga aus dem Königreich der Khmer.
Phnom Penh, 25. Dezember 2007.


© Mimi Productions

Von der Schlange, die ein Wasserdrachen ist

November 2007.


Von der Schlange, die ein Wasserdrachen ist.
Und von dem Land, das ein Meer war.





Wer schon einmal beim Anflug auf Phnom Penh ohne eine Sichtblende aus Flugzeugflügel oder Regenwolkenballung nach unten gucken konnte, dem wird Kambodscha in Erinnerung bleiben als hellbraune Plane mit vereinzelten grünen Tupfen (sechs Monate im Jahr) oder als riesige schwarze Wasserfläche, hie und da unterbrochen durch hell- und dunkelgrüne Quadrate (die restlichen sechs Monate des Jahres). Phnom Penh liegt immer mehr oder weniger im Wasser. Vier Flüsse kommen hier zusammen, von den zwei großen Seen ist zwar einer – aus Spekulationsgründen – zur Hälfte versandet, aber nasse Füße kann man sich das ganze Jahr über holen, wenn’s denn sein muss. Das Wasser gluckert sich eins und weiβ schon längst, wie es seinen Platz an der Oberfläche wieder einnehmen kann.


Die Verbundenheit mit dem Wasser teilt Kambodscha mit seinen südostasiatischen Nachbarn. Sogar die Symbole gleichen sich, was mit einem intensiven Kulturaustausch und einer langen gemeinsamen Geschichte zusammenhängt, denn einst gehörten Teile vom heutigen Thailand, von Laos und von Vietnam zum Königreich der Khmer, die von ihrer Tempelstadt Angkor über ein riesiges Reich herrschten. Überall in Angkor, das jetzt in seiner morbiden Ruinenschönheit Millionen von Touristen anzieht, begegnet man den steinernen Schlangen, die als „Nagas“ bekannt sind. Für die Kambodschaner sind das keine Schlangen, sondern Wasserdrachen. Es gibt sie in Ausführungen mit einem Kopf, dreien, fünf, sieben – eine Naga ist ausschließlich in ungerader Anzahl bekopft und wechselt den Namen, je nach Anzahl ihrer Häupter. Mit einem heisst sie „niëk“ und mit sieben „bos niëk riedsch“, „sehr mächtige Naga“, was ja naheliegend ist.


Die Naga gehörte immer schon in Kambodscha dazu und ist folglich auch Teil des Gründungsmythos dieses Landes. Eine Geschichte geht so: In grauer Vorzeit kam ein Mann über das Meer, der hieβ Prean Thong und heiratete Somaq, die Tochter des Naga-Königs. Das Paar wohnte zunächst im Schlangenpalast in einem Baum. Der Papa wollte nun seiner Tochter eine anständige Mitgift und ein eigenes Heim verschaffen und trank deshalb das Meer aus, das den Boden des heutigen Kambodscha bedeckte. Das Land, das so entstand, wurde Nokor Nok Thlok genannt, das Land des Thlok-Baumes. Denn es war ein Thlok-Baum, in den der Naga-König seinen Palast gebaut hatte.


Andere Mythen, die im Khmer-Land bekannt sind, aber ihren Ursprung in Indien haben, kamen mit dem Hinduismus und dem Buddhismus hierher. So kann man in Angkor den in Stein gehauenen Gott Indra betrachten, während er mit seinem Donnerkeil auf eine Wolke zielt: Die Wolke ist eine riesige Naga, die in ihrer Gier sämtliches Wasser geschluckt hat, das ihren Bauch sich riesig blähen ließ. Alle Götter und alle Menschen darben. Umsonst hatten sie die Naga gebeten, vom Wasser abzugeben. Die Naga verschlieβt sich dem Leiden, und die Not ist groβ. Erst wenn Indras Donnerkeil den Naga-Leib zerschmettert hat, wird das Wasser frei gesetzt, wird es regnen – denn vom Wasser, vom Regen hängt ja nicht nur hier alles Leben ab.


Der berühmte Königsweg vor den Mauern von Angkor Thom, nach dem André Malraux (ein früherer französischer Kulturminister, Romancier und verurteilter Angkor-Antiquitätendieb) eine Novelle benannt hat, wird gesäumt von Göttern und Dämonen, die um die Wette an einem schuppigen Schlangenleib ziehen, dass ihnen vor Anstrengung die Augen aus dem Kopf quellen: Sie quirlen den Milchsee, aus dem sie das Elexier des ewigen Lebens gewinnen wollen. Die Szene ist vielfach auch in Phnom Penh kopiert, als Deko an den Villen der Reichen und als Promenadengeländer am Tonlé Sap-Fluss. Und in jedem Wat finden sich die Buddhas, die vor Sonne und Regen geschützt unter den sieben Häuptern der sehr mächtigen Naga Vasuki meditieren.


Ich habe noch keine einzige Schlange und naturgemäß auch keinen Wasserdrachen gesehen, aber die Ebenbilder sind in mehr oder weniger abstrakter Form im heutigen Kambodscha einfach nicht zu übersehen: als geschwungene Ausläufer der Palast- und Pagodendächer, auf dem Logo der Wochenzeitung „Phnom Penh Post“, aus Beton, Holz und Gips, als Schlüsselanhänger und Schulheftcover. Unser Spielcasino, das nur Ausländer besuchen dürfen, weil Glücksspiel für Kambodschaner gesetzlich verboten ist, wurde auch nach der Naga benannt. Und natürlich schmücken die mythischen Tiere den Bug der bunten Ruderboote, die sich hier einmal im Jahr zu einem groβen Wettstreit versammeln.


Phnom Penh feiert an und auf seinen Wassern, wenn sich zu Beginn der trockenen Jahreszeit der Novembervollmond im Mekong badet. Heuer erwartet die Stadtverwaltung am 23. November drei Millionen Besucher zum Wasserfest, von denen angeblich vier Millionen auch kommen. Viele Phnom Penhesen flüchten vor dem Ansturm dieser Invasion, die schlieβlich drei Tage währt, reichlich Müll hinterlässt und ungute Erinnerungen bei denen, die ihre Wertsachen nicht in die Unterwäsche eingenäht haben, und gewisse körperliche Befindlichkeiten bei anderen, die sich an geistigen Getränken und Garküchenköstlichkeiten übermäβig erfreuten. Wie es sich gehört, brutzelt die Sonne auf alles und jedes, so dass sich die vielen Strohhutverkäufer über gute Geschäfte freuen können und die Festbesucher in Windeseile einheitlich behütet sind.


Angemeldet zum Wettbewerb haben sich 432 Ruderboote mit mehr als 26.100 Ruderern. In Besetzungen zwischen 22 und 70 wird im Sitzen, wird im Stehen den Tonlé Sap-Fluss cirka einen Kilometer hinunter gerudert. Jeweils zwei Boote treten gegeneinander an, auf den schlammigen Wassern spiegeln sich ihre T-Shirts als rosa, rote, blaue, gelbe, grüne Tupfen. Am Ufer stehen und hocken die restlichen 3 ¾ Millionen, laufen auf und ab, knabbern an frisch gekochten Maiskolben und Bratfischen am Stil, an grünen Mangos mit Chilipulver und groβen Fladenbroten, schlürfen zuckersüβe Limonaden in ungesunden Farben und schwatzen sich eins mit Nachbarn und Unbekannten. Das Wasserfest ist ein Volksfest für ganz Kambodscha.


Über die festbegleitende Infrastruktur gibt es sogar offizielle Verlautbarungen. Die Stadtverwaltung stellt 200 Dixi-Toiletten zur Verfügung und schickt 3.400 Extra-Polizisten auf die Straβen. Die private Stadtreinigungsfirma Cintri beschäftigt zusätzlich Personal neben ihren regulären 420 MitarbeiterInnen – gemunkelt wird von 600! Cintri ist Phnom Penhs Müllbeseitigungsmonopolist mit der Lieblingsfarbe GRÜN. Alles ist GRÜN bei diesem Unternehmen, die Müllautos, die Mülltonnen, die Kleidung der Müllmänner und –frauen. Bei meinem Rundgang an der Uferpromenade begegnet mir ganz viel Cintri-Zusatz-Personal in noch völlig neuem und allzu steifem GRÜN, und es weiß nicht, was es tun soll. Also steht es noch eine Weile herum und lächelt schüchtern über seinen GRÜNEN Kittelkragen hinweg.


Am Sonntagabend vergibt der König die Preise an die Sieger der verschiedenen Kategorien. Das Ergebnis würde jedes Kinderherz erfreuen: 142 Boote kamen auf den ersten Platz, 133 auf den zweiten, 114 auf den dritten und 42 auf den vierten (das heisst, sie haben alle ihre Wettkämpfe verloren). Den König kann ich leider mal wieder nicht sehen, denn er und die vielen Exzellenzen und Ehrengäste werden von vielen übergewichtigen Herren in Uniform vor mir und allen anderen neugierigen Blicken flächendeckend geschützt. Aber ich kann das Feuerwerk genieβen und den Vollmond. Bei all der Festtagsfreude ist mir entgangen, dass fünf Ruderer aus Singapur und ein Kambodschaner ertranken, als ihre Boote kippten. In einer Zeitung wird das Komitee für Desaster-Management verantwortlich gemacht, weil keine Rettungsboote und keine Rettungsringe zur Hand waren. Der erste Vizepräsident des Komitees, der privat mit der Abfüllung von Mineralwasser ein Extra-Taschengeld verdienen will, streitet das selbstverständlich ab. Und man hätte es wissen müssen: Viele Wasserfest-Aktive können nicht schwimmen.


Wenn der Trubel mit den Ruderbooten vorbei ist und die Wellen des Tonlé Sap sich wieder geglättet haben, wenn man scharfe Augen und ein wenig Glück hat, dann kann man sie in den kambodschanischen Wassern spielen sehen: die ein-, drei-, fünf- oder siebenköpfigen Drachen, die Nagas genannt werden.


Helga aus dem Königreich der Khmer.
Phnom Penh, 23. Dezember 2007.


© Mimi Productions

Reisklöβchen für dünnhalsige Geister

Oktober 2007.


Reisklöβchen für dünnhalsige Geister.
Fünfzehn Tage Ahnengedenken.





Im Oktober hört es langsam auf mit den heftigen Regengüssen. Für die Klöster im buddhistischen Kambodscha bedeutet das: Die Mönche dürfen wieder nach drauβen, denn (theoretisch) müssen sie die Regenmonate in ihren Pagoden, die hier "Wat" heißen, verbringen und sich dem Studium der heiligen Schriften widmen, damit sie nicht versehentlich auf eines der vielen Tierlein treten, die sich an der Regenzeit ergötzen und vermehrt überall herumwandern. Mir sind allerdings regenschirmbewaffnete Mönche in den letzten Wochen zuhauf begegnet, die ihren Stubenarrest wohl nicht sehr ernst nahmen. Dafür ist den Gläubigen das Ende dieser Periode um so wichtiger: Es ist die Zeit von Pchum Ben, dem fünfzehntägigen Ahnengedenkfest, dem wichtigsten buddhistischen Fest in Kambodscha, das in diesem Jahr am 27. September begann und am 11. Oktober seinen feierlichen Höhepunkt fand. Dann füllen sich die Wats wie bei uns die Kirchen zur Christmette, doch haben die Kambodschaner für ihre Festlichkeit mehr Ausdauer. Das müssen sie auch, im eigenen Interesse: Wer sich nicht kümmert, dem droht Ungutes.


Meine Oma hatte auf ihrer Kommode vergilbte Fotos der Verwandtschaft zu stehen, und am Totensonntag stellte sie eine Kerze ins Fenster zum Andenken an ihren in Russland vermissten Sohn. Eine Zeit zum Gedenken der Verstorbenen ist urmenschlich und in allen Kulturen bekannt. Von der jeweiligen Mentalität hängt es ab, ob mehr geweint, mehr gelacht oder mehr gefeiert wird. In Mexiko zieht die Familie zu Todos Santos mit dem Picknick-Korb und dem Transistorradio auf den Friedhof, um rund um die Grabsteine eine lebendige Fiesta mit den Toten zu feiern; und das Qing Ming-Fest der Chinesen ist von Böllern und Schnaps begleitet wie jede ordentliche Hochzeit auch.


In Kambodscha ist es nicht so lustig, aber bunt, lebendig und unüberhörbar. Schon um 4 Uhr in der Früh, wenn es hier in Phnom Penh noch stockdunkel ist dank sparsamster Straßenbeleuchtung, ziehen die ersten Familien mit ihren Speisegaben und Räucherstäbchen in die Pagoden. Die Segnungen der Mönche werden über Lautsprecher übertragen und erreichen akustisch auch die, die den Weg in den Wat noch nicht gefunden haben. Ich gestehe gern, dass ich mich da noch einmal aufs andere Ohr gedreht habe und alles, was ich über die Morgenaktivitäten aufschreibe, nur aus zweiter Hand weiß. Aber meine Khmer-Lehrerin ist eine bewährt verlässliche Quelle, sie nimmt ihren Buddhismus ernst und praktiziert ihn mit Hingabe. Von ihr weiß ich also:


In die Pagode werden vormittags gekochter Reis und andere Speisen gebracht, gedacht für die Toten und geschenkt den Mönchen, die für die Verstorbenen heilige Sprüche in Pali, der für religiöse Zeremonien verwendeten Sprache indischen Ursprungs, rezitieren. Die Ahnen dürfen in den fünfzehn Tagen aus der Unterwelt zu Besuch in die Oberwelt zurückkehren, also einmal im Jahr, um sich von ihren Verwandten mit Essen versorgen zu lassen. Das Jemseits ist weit weg, die Versorgungslage dort offenbar nicht gut. Wenn die Vorfahren "schlechte Menschen" waren, müssen sie ihr Dasein als Geister in der Hölle ("Breat") fristen, mit dünnen Hälsen und aufgedunsenen Hungerbäuchen. Solche Breat brauchen spezielle Speisen: Klebereisbällchen mit schwarzem Sesam, und die müssen ihnen vor Sonnenaufgang dargeboten werden, weil Breat das Sonnenlicht nicht gut vertragen. Da die Lebenden nun nicht wissen, ob Oma, Opa, Onkel, Tante zu Breat geworden sind, packen vorsichtshalber alle in ihre Essenpakete fürs Jenseits Reisbällchen mit schwarzem Sesam. Denn nur die nicht zu Breat gewordenen Ahnen mögen auch Obst und die speziell für Pchum Ben hergestellten Kekse. Die Bezeichnung des Festes heißt übersetzt: "versammeln (pchum) mit in Portionen aufgeteiltem Reis (ben)".


Wenn die Ahnen nun in die Oberwelt gestiegen sind und ihre lebenden Verwandten ihnen nichts Leckeres gebracht haben, ist das für die Lebenden fatal: Sie werden von den hungrigen Geistern verflucht, mit jeglicher nur denkbaren Konsequenz. Das geht von vermasselten Geschäftsabschlüssen über schlechte Schulzeugnisse und hässliche Bräute bis hin zu plötzlichen Todesfällen; man mag sich das in den Einzelheiten lieber nicht genau ausmalen. Da die Vorfahren aber mit ihrer Flucherei vorsichtig sein müssen (schließlich bleibt alles in der Familie) und nicht so genau wissen, in welchem Wat sie gespeist werden sollen, steuern sie in den fünfzehn Tagen des Pchum Ben-Festes sieben verschiedene an (von den ca. 3.000, die es derzeit in Kambodscha gibt) – und das machen die Lebenden auch. Mindestens sieben Pagoden besucht meine Khmer-Lehrerin jedes Jahr. Die Chancen, dass sie auf ihre Ahnen trifft, sind gut: Denn es sind Pagoden in der Gegend, aus der ihre Familie stammt. Ganz nebenbei verschafft sich jede/r Pchum Ben-Teilnehmer/in auch Verdienste fürs Nachleben und bessere Wiedergeburtschancen. Wer den Rundgang nicht gleich schafft, bekommt an diesem 11. Oktober dafür einen Tag frei: Der letzte Tag des religiösen Festes ist offizieller Feiertag im Land.


In den mit bunten Fahnen geschmückten Wats segnen die Mönche nicht nur die Verstorbenen, sie erinnern auch die Lebenden an die Endlichkeit der menschlichen Existenz: "Alle Dinge sind flüchtig, sie entstehen und sie vergehen. Während sie sich entwickeln, befinden sie sich schon in der Auflösung. Es ist eine Segnung, wenn dieser ständige Prozess des Werdens und Vergehens endet. Man kommt ohne Einladung in diese Welt der Illusionen, man geht ohne Abschied. Warum soll man darüber trauern?" Die wenigstens Gläubigen verstehen Pali, so empfinden sie den eintönigen Singsang der Mönche als beruhigend und fühlen sich nicht bemüßigt, über dieses Religionskonzept nachzudenken, das mir wenig Hoffnung und Trost zu spenden scheint und das ich ähnlich schwer zugänglich finde wie Gedichte von Stefan George: "komm in den totgesagten park und schau – der schimmer ferner lächelnder gestade – der reinen wolken unverhofftes blau – erhellt die weiher und die bunten pfade".


Wenn ich schon dem morgendlichen Trommelruf der Pagode nicht gefolgt bin, so habe ich für einen Besuch zumindest in der Mittagspause Zeit gefunden, als das bunte Treiben auf dem Höhepunkt war. Denn die Mönche dürfen mit den Gläubigen – und den Ahnen, die man aber nicht so deutlich sehen kann – gemeinsam bis 12 Uhr essen. Danach fasten sie bis zum frühen Frühstück am nächsten Morgen, was nichts mit Pchum Ben zu tun hat, sondern eine der strengen Klosterregeln ist. In der Speisehalle der Mönche sieht es jetzt aus wie bei einem Festgelage. Auf farbenfrohen Strohmatten stehen Schälchen mit Reis, Teller mit Gemüseresten, Teetassen und Thermoskannen. Alt und Jung lagert dicht beieinander, isst mit den Fingern; Kinder spielen mit leeren Plastikflaschen und inspizieren, was von der Menüfolge übrig ist. Eine alte Frau lädt mich ein, Platz zu nehmen und mich an der Mahlzeit zu beteiligen. Es ist nett gemeint. Ich wandere vorbei an den bunt bemalten Betonwänden der Halle, auf denen ein sehr rosa Buddha an einem sehr grünen Bodhi-Baum sitzt, unter einem sehr blauen Himmel, umgeben von sehr steifen Jüngern, die sich alle zum Verwechseln ähnlich sehen. Gemeinsames Essen verbindet, und hier kommt nichts, na ja, fast nichts um. Ich beobachte zwei alte Frauen und einen Veteranen mit Holzbein, die hoch zufrieden mit ihren prall gefüllten Plastiktüten von dannen ziehen. So haben auch die lebenden Armen etwas von den Gaben, und für die Ahnen bleibt genug.


Die Klebereisbällchen werden den Breat gemeinsam mit Räucherstäbchen in adretten Häufchen dargeboten, auf den Stupas, die die Urnen mit der Asche der Verstorbenen bergen. Sie ziehen in der Mittagssonne bereits Fäden und locken hungrige Insekten an. Egal, wie man zu derartigen Ritualen stehen: Sicher ist, dass die Post-Konflikt-Gesellschaft Kambodschas durch solche gemeinsamen Festivitäten zusammenwachsen kann. Der Oberpatriarch des buddhistischen Ordens der Thommayut, der Ehrenwerte Tep Vong, sagte in einem Interview mit der Phnom Penh Post vom 15. Dezember 2006: "In dem Regime der 3 Jahre, 8 Monate und 20 Tage (eine hier allgemein verstandene Umschreibung für die Herrschaft der Roten Khmer) wurden 21.568 Mönche getötet, ein großer Verlust für den Geist und die Identität des kambodschanischen Volkes." Die geltende Landesverfassung erhebt den Buddhismus zur Staatsreligion. Fast alle Kambodschaner, die ich nach ihrem Glauben befragte, bezeichneten sich als Buddhisten. Die Vielfältigkeit und die Details ihrer Religion sind ihnen nicht so wichtig, sie gehen mit ihren Familien in die Pagode, wo auch die Nachbarn hingehen, sie geben den Mönchen und den Ahnen, und das allein zählt. Ob in diesem Zusammenarbeit eine Aktivität des Ministerpräsidenten sinnvoll und erfolgversprechend ist, wage ich zu beweifeln.


Die Tageszeitung Cambodia Daily berichtete darüber am 1. November 2007. "Ministerpräsident Hun Sen ernannte den Chef seiner Bodyguards zum Assistenten des Oberpatriarchen der buddhistischen Sekte der Mohanikay, des Ehrenwerten Bou Kry. Hing Bunheang, der bereits Assistent von Tep Vong ist, dem Oberpatriarchen der Thommayut, sagte, dass seine Ernennung helfen werde, beide buddhistischen Sekten zu vereinen. 'Das hilft der Religion.'" Nach allem, was bekannt ist, war Bodyguard Hing Bunheang vor seiner Assistentenzeit beruflich noch nie mit religiösen Angelegenheiten befasst. Die buddhistische Sekte der Mohanikay entstand Mitte des 19. Jahrhunderts aus Anlass einer Reform des Buddhismus, die von Thailand ausging. Bis heute disputieren Mönche des Thommayut- und des Mohanikay-Ordens über Auslegungen der Texte und Anwendung der Prinzipien und halten ihre Klöster getrennt. In Deutschland findet man sich nach fast 500 Jahren mit der Existenz eines in zwei Sekten gespaltenen Christentums ab, und die Kanzlerin entsendet zur Glaubensrettung keine Berater.


Helga aus dem Königreich der Khmer.
Phnom Penh, 26. November 2007.


© Mimi Productions

Der Hundebiss in der Provinzhauptstadt

September 2007.


Der Hundebiss in der Provinzhauptstadt.
Wochenenderfahrungen mit einem fundamentalen buddhistischen Prinzip.





“Man kann nicht zweimal in demselben Fluss steigen”. Wer hat das nicht schon einmal gehört. Der Kern der buddhistischen Lehre heißt Anicca und beschreibt die Unbeständigkeit der Existenz. Alles ist dem ständigen Prozess des Werdens und Vergehens unterworfen, ein Festhalten daher ein sinnloses Unterfangen. So liegt also ein unbeständiges Wochenende vor mir, das jedoch mit einem erfreulichen Verlängerungstag ausgestattet ist. Denn Montag, der 24. September, ist uns als “Constitution Day” freigegeben. Keiner meiner Kollegen ist auskunftsfähig über den Anlass zum Feiern, sei's drum. Ausgestattet mit einem Buddhismus-Schmöker für Anfänger aus meinem Lieblings-Second-Hand-Buchladen, einem Regenschirm zur Jahreszeit und viel guter Laune mache ich mich auf den Weg nach Kampot.


Kampot ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und liegt fünf Busstunden, ca. 180 km, von Phnom Penh entfernt. Bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein trieben hier versprengte Rote Khmer-Einheiten ihr Unwesen, die 1994 drei Westler entführten und schließlich ermordeten. Aber das ist Geschichte. Inzwischen liegt Kampot mit seinen 35.000 Einwohnern und seinem leicht verstaubten Kolonial-Charme wieder ganz friedlich am Kampot-Fluss, romatisch eingebettet zwischen Reisfeldern, Königspalmen und Pfefferplantagen, in Sichtweite einer kleinen Hügelkette, und döst ein wenig vor sich hin. Genau richtig für ein Buddhismus-Lese-Wochenende, so stelle ich mir das vor. Dass der Anreisetag ins (Regen-) Wasser fällt, scheint mir undramatisch – denn auch Regengüsse sind der Endlichkeit unterworfen, selbst in der Regenzeit. Und siehe – am Sonnabend lacht die Kampot-Sonne, und die Stadt lädt ein zu einem mittäglichen Spaziergang. Alles friedlich.


Die meisten Knatter-Mopeds ruhen sich aus. Ein paar Unermüdliche kurven auf dem Fahrrad herum. Die Kinder schießen ihre Tore in Ermangelung von Bällen mit den Plastiklatschen. Ihre Eltern meditieren vor den Hauseingängen in Hängematten oder auf Holzbänken, und auf dem breiten Grünstreifen, der den Boulevard vor dem Markt teilt, bewegen sich klapprige Kühe sehr langsam.


Auch die Straßenköter haben Pause. Ich laufe also harmlos-nichtsahnend im Hier und Jetzt, entspannt und ziellos. Kambodschas Provinzhauptstädte sind dem 19. Jahrhundert näher als dem 21., jedenfalls noch. Allerdings gibt es auch hier diese in jüngster Zeit entstandenen Khmer-Barockpaläste mit wulstigen Dächern, ausladenden Treppenhäusern und pompösen Satellitenschüsseln, die sich unschön-neureich neben den alten Kolonialhäusern breit machen und durch hohe, stacheldrahtbewehrte Mauerwerke vor ihrer Umgebung beschützt werden.


Plötzlich schießen aus dem geöffneten Tor drei kleine Kläffer heraus. Ich sehe sie auf mich zukommen wie in Zeitlupe und mag es nicht fassen, als sich der schnellste von ihnen bereits in mein linkes Hosenbein verbeißt. Nicht nur wegen eines möglichen Regengusses, sondern auch wegen solcher Eventualitäten trage ich immer den Regenschirm, ein altmodisches Stockmodell, bei mir. Doch jetzt, im Moment der dringend gebotenen Anwendung, versage ich kläglich. Ich mache erst einmal sekundenlang nix. Schließlich habe ich es mit drei Viechern zu tun. Wenn ich die nun verdresche, werden sie bestimmt wütend und fressen mich in geballter Einigkeit einfach auf. Als aber das Hosenbein nachgibt und sich löchert und als ich mein eigenes Blut – jawohl, es fließt ein Tropfen! – sehe, haue ich doch drauf los. Hinter mir höre ich erstaunte englische Laute: Ein Tourist hinter mir beobachtet unser Treiben aus sicherer Entfernung und berichtet das Vorfallende über Handy seiner Ehefrau. "Bye bye, darling", flötet er dann in den Apparat und wendet sich mir leicht sorgenvoll zu. "Are you okay?" Ich denke mal schon. Ich bin ganz offensichtlich nicht blutüberströmt, und gegen Tollwut und Wundstarrkrampf wird die örtliche Apotheke etwas im Angebot haben. Die Köter sind wieder hinter ihrem Protzzaun verschwunden, und ich stehe unentschlossen mitten auf der Straße herum.


Mit reichen Leuten legt man sich in Kambodscha nicht an. Das gilt sicher auch für andere Länder, aber hier höre ich das dauernd. Deshalb beschwert sich niemand, wenn nächtens der Partylärm aus der Luxusvilla den Schlaf vertreibt oder der Riesenwagen davor stundenlang vor sich hinhupt. Leute mit Geld sind Leute mit Macht sind Leute mit Einfluss sind Leute mit Verbindungen und an sich und meistens und immer und überall: immun, unangreifbar, unverfolgbar, sicher. Da kann man nichts machen. “Sagt wer?” denke ich. Meine Tollwut-Prophylaxe wird mir ermöglichen, mit den Herrchen und Frauchen der bissigen Monster einen Rechtsstaat-Diskurs im Schnelldurchlauf zu veranstalten, bevor ich tot umfalle.


Vor dem barocken Tor steht ein großes Auto mit getönten Scheiben, der Motor läuft, und jemand traut sich nicht auszusteigen, als ich ans Fenster klopfe. “Do you speak English?” schalle ich gegen das schwarze Glas. Wahrscheinlich scheitere ich jetzt an der Sprache, weil sich alle unverständig-doof-unzuständig stellen werden – aber einen Versuch ist es wert. Auf meinen Regenschirm gestützt, von deutschem Gerechtigkeitssinn durchflutet, nur abgemildert durch die Kapitel 1-Buddhismus-Leseerfahrung, transformiere ich vom touristischen Hundebissopfer zu einer Lektorin über Schadensrecht für Erstsemester. Und dann läuft ein erstaunlicher Mechanismus ab. Ein Mopedfahrer (in Kambodscha ersetzen sie die Taxifahrer) rollt heran, weil er ein Geschäft wittert – und er kann englisch. Mit seiner Sprach-Unterstützung verlange ich, die “Verantwortlichen” zu sprechen. Die Autotür bleibt geschlossen. Hinter dem Gartentor tut sich Bewegung.


Dann rollt sie schließlich heraus, die Dame des Hauses – wenn ich mal so sagen darf –, und sie hat genau die Stimme, die ich so gar nicht abkann in dieser Sprache, sehr laut, sehr schrill, in der Tonlage ihren Hunden sehr ähnlich. Sie trägt einen rosafarbenen Hosenanzug, der offenbar in der letzten Wäsche erheblich eingelaufen ist. Es speckrollt sichtbar von den Schultern abwärts, und die prallen Waden sind gänzlich unbehost. Von Ersatz für meine kaputte Hose und Erstattung von Arztkosten will sie zunächst nichts wissen. (Ich würde mich auch mit einer Entschuldigung und einer Einladung zu einer Tasse Tee begnügt haben ...) Und natürlich wird sie mir ihren Namen nicht sagen, und eine Telefonnummer hat sie auch nicht. Ich zeige auf das Handy in ihrer Hand: Wie wäre es mit der Nummer? Ich würde nämlich gern mit “der Polizei” über “die wilden Hunde” reden. Jetzt wird sie richtig sauer. Ihr Mann – so lässt sie mich durch unseren Übersetzer wissen – sei ein “hochrangiger Polizeibeamter” in Phnom Penh! Lady, damit kann man mir keine Angst machen: Prima, kontere ich, ich arbeitete ja auch “für die Regierung” in Phnom Penh, da würde ich doch ihren Mann gern einmal kennen lernen. Das Geschrille geht noch etwas hin und her, und eigentlich bin ich nur noch dabei, weil ich keine Lust habe, mich um meine Bisswunde zu kümmern. Erstaunlicherweise sagt dann der Mopedfahrer: “Steig auf, wir fahren zum Arzt, sie zahlt alles.” Ich sehe mich plötzlich ins Reisfeld gekarrt und dort hinterrücks erschossen, von einem hochrangigen Polizeibeamten aus Phnom Penh. Aber statt dessen halten wir vor einer Apotheke.


Der müde, ältere Apotheker will mal in einem Krankenhaus gearbeitet haben. Er kramt aus seinem Kühlschrank eine kleine Ampulle heraus, die rundherum gut sichtbar, aber für mich unverständlich auf vietnamesisch beschriftet ist. “05-2007” steht da unter anderem, Preisfrage: Produktions- oder Verfallsdatum? Der Apotheker-Arzt guckt mich ausdruckslos an – ich solle mir doch in Phnom Penh eine Spritze geben lassen, oder am besten gleich sieben oder acht. Er wisse ja auch nichts, und einen Beipackzettel gebe es in Kambodscha nie – wir Ausländer hätten da völlig falsche Vorstellungen. Ich solle mich erst einmal ausschlafen – er zeigt auf eine Liege. Inzwischen ist noch ein Moped angekommen: Der hochrangige Polizeibeamte hat es tatsächlich in zehn Minuten von Phnom Penh bis hierher geschafft - und welch ein Wunder, in einer senffarbenen, frisch gebügelten Uniform. Er knurrt etwas im Hintergrund mit seiner Frau herum, dann übersetzt “mein” Motofahrer: letztes Angebot – 35 Dollar und ich könne mir einen Arzt meiner Wahl in Phnom Penh suchen! Ich zocke noch ein bisschen (das sei doch alles viel teurer in Phnom Penh – und die Hose ...), aber man darf den Bogen nicht überspannen. Lieber 35 Dollar als ein Tod im Reisfeld. Und so stehe ich mit drei Scheinen wieder auf der Straße und staune: 50.000 Riel sind ungefähr 12 Dollar, und davon habe ich jetzt drei, sogar echte und ganz neu mit Wasserzeichen und Metallstreifen drin! Der Motofahrer will jetzt natürlich von mir bezahlt werden, denn Madame ist mit ihrem hochrangigen Polizeibeamten längst davongefahren. ...


Unerwartet treffe ich beim Abendessen Entwicklungszusammenarbeits-kollegen (ja ja – wir leisten “Zusammenarbeit” in der Entwicklung, Hilfe ist out), die mich überzeugen, dass ich leichtsinniges Wesen doch wirklich eine Tollwut-Spritze bräuchte, und die mich sofort zu einem “richtigen” Arzt bringen. Der lässt mich auch den Waschzettel des Medikaments studieren (vietnamesisch und englisch). Dahin geht der erste 50.000-Riel-Schein – und als ich die Ampulle sehe mit der gleichen vietnamesischen Beschriftung wie die vor ein paar Stunden, bloß mit dem Aufdruck “2008”, da weiß ich, dass die Apotheker-Ampulle ein wenig überlagert war. Sie wartet jetzt wahrscheinlich auf einen armen Khmer, der sich ein Nachdenken über “Impfung ja-nein” nicht leisten kann. Meine Entwicklungszusammenarbeits-kollegen haben genau wie ich vorher noch keinen 50.000-Riel-Schein gesehen – und ich bin mächtig stolz, dass ich nach hiesigen Verhältnissen einen enormen Schadensersatz erhalten habe, denn kambodschanische Monatsgehälter um die 40 Dollar sind vergleichsweise hoch (für Wachleute und Haushälterinnen).


Anicca lacht und lässt es über Nacht mal wieder heftig regnen. Ich gehe zum Frühstück in die Sonne und blicke auf den Fluss, und der zieht träge vorbei, und der Himmel ist erst blau, und dann sind die Wolken zurück, das Frühstück ist wunderbar, und bald ist der Teller leer – und als ich das Lokal verlasse, ist das Portemonnaie weg und die beiden niegel-nagel-neuen Rielscheine und das restliche Kleingeld auch. Leider war im Portemonnaie auch der Wohnungsschlüssel. Aber als ich wieder daheim bin, lassen meine guten Hausgeister ihn erneut werden: Sie beschaffen mir Ersatz ganz unkompliziert, für einen Dollar. Und plötzlich ist meine gute Laune wieder da und “Constitution Day” bereits vergangen.


Nachtrag: Natürlich gehe ich am nächsten Morgen in Phnom Penh noch einmal zum Arzt, Kostenpunkt: 47 Dollar. Denn ich brauche eine zweite Tollwut-Spritze. Der Impfstoff, der mir in Kampot verabreicht worden ist, soll in Vietnam ab 2008 (!) vom Markt genommen werden, weil seit ein paar Monaten (!) ein Patient nach der Verabreichung des Mittels in Ho Chi Minh-Stadt paralysiert (!) im Krankenhaus liegt.


Helga aus dem Königreich der Khmer.
Phnom Penh, 26. September 2007.


© Mimi Productions

Amok und Nudelschrift

August 2007


Amok und Nudelschrift.
Essbares und Schriftliches.





Heute will ich von Amok berichten. Dabei ist Amok natürlich nicht gleich Amok, und im Übrigen hat mein Amok rein gar nichts mit dem Amok vom gleichnamigen Lauf zu tun. Den letzteren Begriff verdanken wir den Malaysiern, die mit "mengamuk" unkontrollierbare Wut bezeichnen. Ich dagegen bin ganz friedlich und denke einfach nur ans Essen und eine leckere Speise, deren Name "Amok" ausgesprochen wird.


Da mein Computer unwillig ist, "Amok" in der hiesigen wunderschönen Khmer-Schrift wiederzugeben, muss ich mich einer Umschrift befleissigen. Es gibt keine generell verbindliche. So haben Franzosen, Engländer und inzwischen auch Deutsche, ihrer eigenen Aussprache von lateinischen Buchstaben folgend, Aussprachehilfen für Khmer entwickelt, die ich zum Verständnis extra erlernen müsste. Denn so sehr französisch, englisch oder deutsch die auch sein mögen - mit der eigentlichen Sprache (Khmer) haben sie wenig zu tun. Da mir das Erlernen angesichts meiner beschränkten Aufenthaltsdauer in diesem Lande blödsinnig erscheint, halte ich mich lieber ans Original.


Eine schöne Schrift für ihre schwierige Sprache mit den wunderlichen Lauten haben die Khmer, ehrlich, aber in meinem Lehrbuch der 1. Klasse für kambodschanische Grundschüler habe ich mich seit Wochen auf den Seiten 1 und 2 verbarrikadiert. Dort werde ich zum Erlernen der Vokale (Seite 1) und der Konsonanten (Seite 2) des Khmer-ABC angehalten. Ich will das Schreiben erlernen, weil ich dann erfolgversprechend ein Wörterbuch konsultieren kann und irgendwann auch etwas zu sagen haben werde. Irgendwann. Meine Lehrerin ist mit einem vierjährigen Sohn gesegnet, den demnächst mit meinem Lehrbuch zu unterrichten sicherlich erfolgversprechender ist als die wöchentlichen Sitzungen mit mir. Doch noch gebe ich nicht auf. Ich nenne meine Herausforderung "Nudelschrift", weil sie mich an die Birkel-Teigwarenkreationen meiner Kindheit erinnert, an Spirali, Trulli & Co. Und sie gefällt mir, was die Beschäftigung mit ihr erleichtert, wenn auch nicht vereinfacht, etwas jedenfalls.


Wie soll ich nur die so hübsch gekringelten 23 Vokale auseinander halten, die sehr dekorativ, wenn auch nach strengen Regeln um die 33 Konsonanten drapiert werden. Manche stehen links, manche rechts, manche oben, manche zum Teil links und rechts (auch wenn sie einen Vokal und nicht zwei darstellen), manche zum Teil über dem Konsonanten und auch darunter, manche nur darunter. Ich teilte sie zunächst zum Auseinanderhalten (was mit der Aussprache nicht zusammenhängt) in zwei Hauptformen ein, die eher länglichen und die eher kullerigen. Gebracht hat mir die Einteilung nichts außer der Erkenntnis, dass Lernen mit Mühe und der Investition von viel Zeit verbunden ist und dass ich das alles allein und höchstpersönlich vollbringen muss. Aber ich habe mein Auge geschult und erfreue mich kindlich, wenn ich erkenne, dass der Doppelpunkt, der sich da an dem Friseurreklameschild über der Lockenpracht der Modellschönheit manifestiert, kein Doppelpunkt, sondern ein rechts stehender Vokal mit dem Lautwert "ass" ist. (Ja ja – ein Khmer-Vokal eben, da werden auch manchmal Laute angehängt, die wir als Konsonanten kennen.) Na bitte! Lesen kann ich das Wort damit jedoch noch nicht. Und völlig bedeutungslos ist es mir auch noch. Aber gelobet sei der Anfang.


Die Konsonanten lassen sich auch nicht lumpen. Wenn zwei aufeinander folgen, wird der zweite optisch verändert (er erhält eine kleinere und einfachere Figur, meistens jedenfalls) und unter den ersten Konsonanten als sogenannter "Fuß" gesetzt. Leider gibt es auch links stehende Füße, die ich gern mit Vokalen verwechsele. Die Tandemkonstellation der Konsonanten zu kennen, ist überaus hilfreich bei der Entzifferung von ganzen Sätzen – denn zwischen seine Wörter setzt der Kambodschaner keine Abstände, wasichjaauchschonbeichinesischenTextenübenkonnte, so dass alle Buchstaben – denn hier haben wir es mit einer Art Alphabet und keiner Silbenschrift zu tun – munter hintereinander aneinander geklebt geschrieben werden. Folgen zwei Konsonanten und behalten diese ihre "natürliche", unveränderte Gestalt, dann habe ich es vielleicht mit zwei Wörtern zu tun, oder – auch diese Erkenntnis macht Freude – es wird bei dem ersten Konsonanten der inhärente (nicht schriftlich dargestellte, aber sehr wohl die Ausprache bestimmende) Vokal ausgesprochen. Das mit den inhärenten Vokalen ist auch eine wunderbare Erfindung, die die Anzahl der zu schreibenden Konsonanten verdoppelt bei gleicher Menge an Vokalen, wobei jedoch letztere – je nach Zugehörigkeit der Konsonanten zu einer der beiden Register (das Register definiert die Konsonanten) – verschieden ausgesprochen werden. Habe ich jetzt alle LeserInnen verloren? Oder mögen wohl alle Tüftler und Computerspiel-Überdrüssige Khmer lernen? Es wäre schlicht gelogen, wenn ich sagen würde, das Erlernen dieser Sprache machte richtig Spaβ. Aber es stachelt meinen sportlichen Ergeiz an und lässt mich auch mehr Verständnis empfinden für meine total lesefaulen Rechnungsprüferkollegen. Einige davon "lesen" ihre muttersprachlichen Texte immer artig mit dem Finger unter den Buchstaben im Schneckentempo (lautlos bewegen sie die Lippen und runzeln dazu angestrengt die Stirn) und versichern mir, dass sie freiwillig nie – wirklich NIE - ein Buch anfassen würden. Khmer-Lesen ist eben kein reines Vergnügen.


Nach dieser Abschweifung wende ich mich nun wieder dem Amok zu, was auf Khmer schwer zu schreiben, wenn auch leichter auszusprechen ist – und eine wahre Köstlichkeit benennt! Es handelt sich nämlich um ein Fischgericht, das nicht jeden Tag auf den kambodschanischen Tisch kommt, also etwas für Festtage ist, und das mit etwas gutem Willen von allen, die dies lesen, nachgekocht werden kann. Das Rezept stammt von meiner Khmer-Lehrerin. Leider sind zwei Kräutlein, die zur Geschmacksverbesserung beitragen, in keinem Wörterbuch enthalten; ich habe es daher bei einem kulinarischen Annäherungswert belassen.


Amok für zwei Personen


Man bereite zunächst eine Currypaste zu:
• 2,5 cm einer Galangalwurzel (gibt es in jedem Asia-Laden, der frisches
Gemüse führt – die Wurzel wird oft mit frischem Ingwer verwechselt, sieht
aber dunkler aus)
• 1 Esslöffel fein geschnittenes Zitronengras (auch aus dem Asia-Laden)
• 1 Teelöffel geraspelte Limettenschale (zur Not tut es auch eine frische
Zitronenschale)
• 5 mittelgrosse rote (scharfe) Chilies, aufschneiden, die Samen entfernen,
die Schoten klein schneiden
• 1 Teelöffel Salz
Alle Zutaten in einem Mörser miteinander vermischen und zerstampfen, so dass sich daraus eine Paste formen lässt. Die Paste zur Seite stellen. (Sie hält sich lange im Kühlschrank und ist für viele leckere Currygerichte verwendbar.)


Für das Fischcurry (das ist Amok nämlich) braucht man:
• 1 Esslöffel der gerade hergestellten Currypaste
• ¼ kg frischen Fisch (möglichst Süßwasserfisch, vielleicht eine mittelgroße
Forelle, die ausgenommen ca. 250 g ergibt)
• 1 Esslöffel Fischsauce (aus dem Asia-Laden)
• 1 Teelöffel Zucker
• 1 großes Ei
• 3 Esslöffel Kokosnussmilch (aus der Dose, gibt es auch im Asia-Laden)
• Salz und Pfeffer zum Abschmecken


Man nehme den Fisch aus, filetiere ihn und schneide die Filets in ca. 2,5 cm lange Stückchen. Man gebe die Fischstückchen und die anderen Zutaten in eine mittelgroße Schüssel und knete alles miteinander zu einer Art Teig. Dieser Fischteig kann im Stück – nach Belieben in eine hübsche Form gebracht - am einfachsten in einem Dampfkörbchen aus Span (zum Herstellen von chinesischen Teigtaschen, auch vom Asia-Laden) über Wasserdampf gegart werden. Möglich ist auch das Garen im Wasserbad in einem kleinen Topf. Das geht schnell, je nach Größe des Fischteigs, ca. 10 bis 15 Minuten. Wer hat, darf dazu auch ein Bananenblatt benutzen und das Amok darin auch servieren. Ansonsten kann das fertige Curry auf einem großen Salatblatt angerichtet werden. Dazu gibt es weißen gekochten Reis.


Guten Appetit! "Lecker" heisst auf Khmer übrigens (nach meiner persönlichen Umschrift) "tschnjanj". Bitte nicht zu lange üben, das Essen wird sonst kalt!


Helga aus dem Königreich der Khmer.
Phnom Penh, 31. August 2007.


© Mimi Productions

Theaterferien

Juli 2007.


Theaterferien.
Die kambodschanische Thalia ist außer Dienst.





Nach einem halben Jahr in Phnom Penh kenne ich die Straßen besser und weiß, wo mir der Sturz in die Abgründe der Kanalisation droht und welche Ampeln mir nur zum Scherz ihr grünes Licht zeigen. Wenn ich ansonsten allseitig-umsichtig auf den Verkehr, streunende Hunde und mobile Garküchen achte, kann ich beim Spaziergang nachdenken. Was ist "good governance", was sollte das Land entwickeln im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit (wie das jetzt heißt und an der ich teilhabe), und was wäre ganz einfach gut zu haben? Eine freie Presse, eine unabhängige Finanzkontrolle, ein modernes Theater ...


Am 12. November 1968 weiht Kambodscha sein Nationaltheater ein. Wie es sich für ein Königreich gehört, gibt es dem Bauwerk einen noblen Namen und benennt es nach dem Vater des damaligen Königs "Preah Suramarit National Theater". Mit dem Fluss Bassac in Sichtweite kommt aber bald eine weniger förmliche Bezeichnung, und so ist das Haus auch jetzt noch bekannt, als "Bassac Theater", obwohl es nur wenige Jahre tatsächlich als Theater genutzt wird. In der Rückschau werden die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts als "goldenes Zeitalter" Kambodschas betrachtet, in Vergleich zu dem, was schon kurz danach mit dem Putsch von 1970 kommt, mit dem Bürgerkrieg und den Roten Khmer. Ein goldenes Zeitalter jedenfalls für eine urbane, mittelständische Klasse, die sich westlich orientiert und die sich an der Veränderung des Stadtbildes erfreut. Der damals noch junge König Sihanouk hat kein Interesse an demokratischen Neuerungen (was kein Wunder ist in einem Land, das nie andere als autoriäre Strukturen gekannt hat), aber Vorstellungen über eine neue Architektur, modern und wegweisend.


Vann Molyvann ist sein Mann zur rechten Zeit. 1926 in der Provinz Kampot geboren, mit Rechts- und Architekturstudien in Phnom Penh und Paris, kann er nach seiner Rückkehr 1956 das neue Gesicht der Stadt gestalten, die bald ein Olympiastadion erhält, neue Universitätsgebäude, Villen für die Wohlhabenden, eine Ausstellungshalle. Und schließlich kommt auch das Theater. Es wird ein schöner Bau. Vann Molyvann lässt sich vom "organischen" Stil von Frank Lloyd Wright inspirieren, der seine offen gestalteten Häuser harmonisch in die Landschaft einfügte und mit seinen geometrischen Formen die deutschen Bauhäusler beeinflusste, und von Le Corbusier, dessen klare Linien und flexible Innengestaltung Vann Molyvann bewundert. Er versteht die Beziehung zwischen der Stadt und ihrem vielen Wasser und baut Leichtes und Lichtes, dem tropischen Klima angemessen. Das macht ihn so verschieden von den heutigen Stadtherren, die einfach Seen und Kanäle zuschütten lassen, weil der Verkauf von Bauland Geld bringt und die Folgen der monsunbedingten Überschwemmungen sie nicht interessieren. Und das macht ihn so verschieden von den neureichen Bauherren des 21. Jahrhunderts, die wahre Retro-Wunder fabrizieren, aus Pomp und Gips, mit korinthischen Säulen, Angkor-Zitaten und vergoldeten Lampen, mit hohen Mauerumsperrungen und Stacheldrahtrollen.


Das Theater ist konzipiert in Form eines Dreiecks, die Spitze wie ein Schiffsbug, mit dem Zuschauerraum an der breiten Seite. Die Dreiecksform findet sich überall, einzeln oder zusammensetzt zu langgezogenen Rechtecken wie die Fliesen in der Lobby im ersten Stock, die mit ihrem lebhaften Muster in Schwarz, Weiß und Rot den Kontrast bilden zu hellen Wänden. Die schmale Fensterfront zieht sich an den Seiten entlang wie ein gläsernes Band und gewährt Ausblick auf den nahen Fluss. Für die Belüftung sorgen Öffnungen in der Wand, die wie hinter Fischschuppen versteckt wirken, und vom Erdgeschoss her garantiert der V-förmige Teich Verdunstungskühle. Ich blicke von der freischwebenden Treppe hinab und erkenne einen klitzekleinen schwarzen Fisch, der wohl einzige dauerhafte Bewohner in dem ansonsten verlassenen Haus im Juli 2007. Das Gebäude hat die Zeit nach 1975 leerstehend überlebt, bis sich schließlich 1994 eine Renovierung ermöglichte. Ein Bauarbeiter vergaß, in der Mittagspause den Lötkolben auszustellen. Der Rest ist Geschichte: Der Zuschauerraum brannte völlig aus, das Dach darüber stürzte ein. Da der Bauunternehmer nicht versichert war und niemand für die Schadensbeseitigung aufkam, blieb das Theater fortan Ruine.


Durch eine Türöffnung ohne Tür trete ich hinaus in das, was einmal der Zuschauerraum war. Die roten Backsteinwände stehen noch, hier und da hat das Feuer schwarze Spuren hinterlassen. Die Stufen für die Stuhlreihen sind grün überwachsen, ein Baum von stattlicher Größe gewährt Schatten. An einer Mauer steht in krakeligen Buchstaben: "I want to be Successful in the future, learn whil you are young" (Rechtschreibfehler im Original). Ich finde Theaterruinen traurig und mag ihrem morbiden Charme nicht erliegen: Zur Zeit hat Kambodscha kein Nationaltheater, egal, was erzählt wird. Denn wie so oft in Kambodscha weiß niemand etwas Genaues, doch die Gerüchte kennen alle.


Das Gelände sei verkauft, berichtet der Vorsitzende der kambodschanischen Schauspielervereinigung der Tageszeitung "The Cambodia Daily", die diese Mitteilung am 16. Juni 2007 abdruckt: Die Schauspieler würden sich an den Premierminister wenden, der ihnen weiter ermöglichen solle, das zerstörte Theater als Übungsstätte zu nutzen. Dass der Premierminister direkt um Hilfe angegangen wird wie früher der König oder beide gemeinsam und zugleich oder beide nacheinander, ist Usus in Kambodscha. In einer autoritär strukturierten Gesellschaft zählt nicht die Zuständigkeit, sondern Status und Macht. Der neue König Sihamoni hat bereits öffentlich geäußert, man möge das "Bassac Theater" wieder aufbauen. Kurz darauf, am 27. März 2007, steht in der "International Harald Tribune" zu lesen, dass das Gelände an eine lokale Telekom-Gesellschaft verkauft worden sei, die das Theater für ein Konferenzzentrum und einen Sendeturm abreißen wolle.


Das neue Nationaltheater solle neben einem glitzy Nachtclub ("Spark Nightclub") entstehen, so der Untersekretär des Kulturministeriums, und natürlich sei das Gelände des "Bassac Theaters" nicht verkauft. "Wir verlegen das Theater nur an einen anderen Ort, weil wir uns schämen, so ein zerstörtes Gebäude weiterzubenutzen." Und der Staatssekretär ist gar nicht erst zu sprechen für die Presse. Damit die Gerüchte weiterleben können. Und es spielt keine Rolle, dass der Baumeister Vann Molyvann das Theater für restaurierbar hält.


Wie absurd! Wieder "aufgebaut" wurde dagegen weiter nördlich für 2,25 Millionen US$ eine Brücke, die über Sand führt, weil der entsprechende Kanal zugeschüttet worden ist. Die französische Steinbrücke, die bekannt war für ihre Brüstung in Form einer mehrköpfigen Schlange (Naga), wurde 1892 für 30.000 Piaster gebaut und in den 30er Jahren abgerissen, weil der Kanal, der die europäische Stadt im Norden von der chinesischen und der kambodschanischen Stadt im Süden trennte, nicht mehr gebraucht wurde. So ist also dieses Brückengeländer im Jahre 2007 wieder da – und viele wissen nicht, dass hier, unter dem Norodom Boulevard, einst Wasser floss, wo jetzt ein Grünstreifen entsteht.


Als ich im Mai um die Ruine des "Bassac Theaters" herumlaufe, treffe ich einen alten Mann. Er sitzt auf einem Schemel und bemalt ein langes Stück Holz mit Goldbronze, eine geschnitzte Naga mit nur einem Kopf, eine Theaterrequisite. Auf meine Frage erklärt er mir, dass seine Truppe nicht in Kambodscha auftreten werde, sondern in Malaysia. Sie würden hier nur üben und ihr Material lagern. In Phnom Penh habe niemand Interesse für ihre Kunst.


Bei meinem zweiten Spaziergang, Monate später, fällt mir beim Verlassen des Geländes der königsblaue Bauzaun auf. Noch im Mai war hier eine andere Umgrenzung, ein filigranes Gitter in Grau, das kaum auffiel. Der potentielle neue Eigentümer setzt offensichtlich mit seinem Blech andere und auffälligere Farbakzente. Aber noch ist das Tor unverschlossen, erstaunlicherweise. Noch steht hier kein Wachmann in dunkelblauer Uniform, der den Zutritt verwehrt. Noch weiß niemand hier wirklich, was mit dem Theaterschiff passieren wird, und ich kann hoffen, dass es erhalten bleibt, und ihm für den Notfall wünschen, dass es auf dem Bassac in sichere Gefilde segelt, beschützt von einem Rhinozeros und einer kambodschanischen Thalia. E la nave va.


Helga aus dem Königreich der Khmer.
Phnom Penh, 30. Juli 2007.


© Mimi Productions