Happy New Year!

April 2007.


Happy New Year!
Vom unschätzbaren Glück, den Beginn eines neuen Jahres innerhalb von vier Monaten mehrmals feiern zu können.





Der April beginnt hier nicht mit Scherzen, sondern mit einem Blick aufs Thermometer: Stetig, mit täglichen Erhöhungen, steigt die Temperatur über die Dreißiggradmarke. Am Monatsende wird sie sich bei vierzig eingerichtet haben, und danach kommt endlich der erfrischende Regen.


Aber es ist nicht die Hitze, die meine Kursteilnehmer glasig gucken lässt und sie in eine Dauer-Lächel-Starre (bei zeitweisem Absinken des Kopfes auf Brusthöhe und ausgedehntem Gähnverhalten des gesamten Körpers) versetzt. I wo, die kamboschanischen Rechnungsprüferkollegen sind einfach nur müde. Das Neujahrsfest der Khmer-Nation kündigt sich mit vielfältiger Feierei an, und nur ein ahnungsloser ausländischer Berater wie ich kann so vermessen sein, in der 2. Aprilwoche effizient und effektiv arbeiten zu wollen.


Als sich am Donnerstagvormittag das Gebäude geleert hat, um sich am späten Nachmittag wieder zu füllen mit lauter Damen in den besten weißen Blusen (viel Spitze, noch mehr Perlenstickerei) und Herren in frisch gebügelten weißen Hemden, bleibt es auch mir nicht verborgen: Eine Feierstunde steht an – und ich bin mal wieder zu bunt angezogen ...


Auf der Tribüne in unserer Aula sitzen vier Mönche auf dem Perserteppich und gucken zwischen Blumenarrangements entrückt-desinteressiert zu uns herab. Zunächst einmal haben sie nichts zu tun, weil die ersten Gebete von einem Laienbruder gesprochen werden, der in ehrfürchtiger Haltung rechts vor ihnen kniet. Da ein Laie eben kein Mönch ist, trägt der freundliche alte Herr ein weißes Hemd. Die orangefarbene Kutte und der pflegeleichte Totalhaarschnitt sind seinen Begleitern vorbehalten, die sich schon bald mittels schnurlosem Mikrofon dem Neujahrsglückwunsch-Singsang anschließen. Aber dies wäre nicht Kambodscha ohne huld- und segensvolle Bewässerung zum Schluss: Mit einem Palmenwedel und mehr oder weniger wohldosiert besprüht uns der älteste Mönch mit dem nicht immer willkommenen Nass aus einer Bronzeschale (Wimperntusche – aufgepasst!), während die anderen Mönche Jasminknospen auf uns herabregnen lassen, auf dass es ein gutes Khmer-Jahr werde. So kann ich in Kambodscha zum dritten Mal gut vorbereitet in ein neues Jahr rutschen. Allerdings muss ich zum punktgenauen Rutschen noch bis Sonnabend (14. April, 12.48 Uhr) warten.


Der exakte Beginn des Khmer-Jahres lässt sich astronomisch berechnen und findet regelmäßig um den 13. April herum statt, wenn die Sonne in das Sternbild des Widders eintritt (genauer: wenn Erde, Sonne und der Stern Chitra in diesem Sternbild auf einer Linie stehen – habe ich gelesen, denn meinen Khmer-Bekannten fehlt dafür die Neugier). Für die Khmer ist das der Zeitpunkt, in dem ein neuer Gott die Herrschaft übernimmt und damit ein neuer Zeitabschnitt, also ein neues Jahr, beginnt. Wie das funktioniert, habe ich auch recherchiert und werde es an anderer Stelle erzählen. Jedenfalls zeigt sich wieder einmal die wunderbare Toleranz des Buddhismus, denn seine Mönche haben keinerlei Problem, einer jährlich wechselnden nicht-buddhistischen Gottheit die Segnungen ihres Meisters zu übermitteln. Und die Khmer-Zeitrechnung richtet sich trotzdem nach Buddhas Geburtstag: Wir schreiben heuer das Jahr 2551.


Wie in China macht sich auch hier zum Neujahrsfest die ganze Nation auf die Beine, um in den Heimatdörfern mit den Verwandten die Feierei fortzusetzen, die schon am Arbeitsplatz (siehe oben) ihre Auswirkungen zeigte. Die Preise für Hotels und Taxis steigen kurzfristig heftig an, damit auch jeder etwas von den Festtagen hat, und die meisten Geschäfte machen ein paar Tage zu.


Relativ kurz dagegen wird das sog. Internationale Neujahr gefeiert. Ich bin kaum aus dem Flieger auf den Pochentong Airport geklettert, da ist das Jahr 2006 (eines von meinen ganz spannenden) schon fast beendet. Ich finde mich wieder unter den lichterkettengeschmückten, duftenden Frangipani-Bäumen in einem Gartenrestaurant mit dem passenden Namen „Elsewhere“ („Woanders“), um mich herum Menschen in leichter Sommerkleidung, und jemand zählt die letzten Sekunden des 31. Dezember. Es weht eine leichte Brise, über mir breitet der Himmel seine Sterne aus – und dann beginnt der 1. Januar 2007, Neujahr nach dem Gregorianischen Kalender. Diesen Kalender und unsere Zeitrechnung (die wir so gern für die einzige und einzig richtige halten) verdanken wir einem Dekret von Papst Gregor XIII vom 24. Februar 1582, der die zeitliche Konfusion um das Osterfest beenden will und außerdem präzise wie ein guter Gynäkologe – wenn auch mit dem großen Vorteil der Nachträglichkeit - den Geburtstag von Jesus, dem Christus, festsetzt. Im „Elsewhere“ ist mir noch nicht klar, dass mich sehr bald Kalender und Jahresanfänge heftig interessieren werden: In Kambodscha kann man einfach den vielen Neujahrsgelegenheiten nicht entgehen.


Als an den Geschäften der vielen Sino-Khmer und bei den China-Restaurants die Hundebilder gegen Schweinchenposter ausgetauscht werden und offene Lastwagen mit fröhlichen Jungs in Löwentanz-Kostümen durch die Stadt fahren, weiss ich: Gleich ist der 18. Februar und damit Frühlingsfest-Chinesisch-Neujahr. Den Kalender verdanken die Chinesen ihrem legendären Gelben Kaiser, der ihn in seinem 61. Regierungsjahr einführte, was nach unserer Zeitrechnung im Jahr 2637 v. Chr. stattfand. Wie man auf dieses Datum gekommen ist - da sich doch die Existenz eines legendären Kaisers so gut wie gar nicht verbürgen lässt, weder überhaupt noch historisch annähernd exakt -, weiß ich nun auch nicht. Jedenfalls behaupten die Chinesen ganz einfach, dass sie dem Gebot des Kaisers folgend ihr Neujahrsfest als Beginn des Frühlings am 1. Tag des Frühlingsneumondes zu feiern haben. Für eine kontinuierliche Jahreszählung hat das nicht gereicht, weil mit dem Regierungsantritt eines jeden neuen Kaisers das Jahr 1 begann. Erst nach dem Abdanken von Pu Yi übernahm China 1912 in Ermangelung eines neuen Kaisers die gregorianische Jahreszählung.


Dafür ist der Buddha höchstpersönlich zuständig für die Reihenfolge der tierischen Regentschaft über das chinesische Jahr. Die Erklärung geht wie folgt: Als er sein Ende nahen fühlte, lud er die Tiere ein, von ihm Abschied zu nehmen. Nur zwölf nahmen das Angebot wahr. In Anerkennung dafür benannte der Buddha die Jahre nach den Tieren in der Reihenfolge ihres Erscheinens: Ratte, Rind, Tiger, Hase, Drachen, Schlange, Pferd, Schaf, Affe, Hahn, Hund, Schwein. Und 2007 soll nun schweinisch gut werden: Das Schwein gilt als das von allen glücklichste Viech. Dass es auch über den Khmer-Kalender regiert (mit einer gewissen Unschärfe zwischen den beiden unterschiedlich gelagerten Neujahrsfesten – denn da war noch Khmer-Hundejahr, als längst schon Chinesen-Schweinejahr begonnen hatte), ist eine von den vielen wundersamen China-Einflüssen im Land der Khmer.


Wenn der Wind es will und der Mopedlärm es nicht verunmöglicht, höre ich von meiner Wohnung aus den Muezzin. Doch wo ist sein Arbeitsplatz? Bei einem Spaziergang zum Boeng Kak-See, der gerade viel in der Zeitung steht, weil er zugeschüttet werden soll und die Stadtverwaltung in Verdacht steht, sich mit einer undurchsichtigen Immobilienfirma zu noch undurchsichtigeren Bauspekulationen verbandelt zu haben, treffe ich auf eine Moschee mit riesiger goldener Kuppel. Die muslimische Gemeinde bekam das Land 1969 von König Sihanouk und baute darauf ihre „International Dubai Mosque“. Von den ca. 14 Millionen Kambodschanern gehören etwas über eine halbe Million der ethnischen Minderheit der Cham an, die keine Buddhisten, sondern Muslime sind. Und auch sie feiern Neujahr.


Im 6. Jahrhundert (unserer Zeitrechnung) entdeckt ein junger Mann aus Mekka, dass es gar nicht viele arabische Götter, sondern nur einen, Allah, gibt und dass er sein Prophet ist. Das ist der Klerikerkaste seiner Heimatstadt nicht geheuer, und so flieht Mohammed schließlich mit seinen Anhängern nach Medina, um ihren Anfeindungen zu entgehen. Wir nennen dieses Datum den 16. Juli 622 n. Chr. Für die Muslime beginnt mit dieser Flucht, als „Hijra“ (latinisiert „Hegira“) bezeichnet, der islamische Kalender, der sich mit „A.H.“ (für „Anno Hegirae“) von unserem „A.D.“ („Anno Domini“) unterscheidet. Da ich nicht aufgepasst habe auf den islamischen Kalender – bei all den anderen Jahresanfängen -, werde ich mir den 10. Januar 2008 vormerken: Das ist der 1. Muharram 1429 A.H. und das muslimische Neujahrsfest. Wer will nicht schon gern viermal Neujahr feiern – innerhalb von vier Monaten!


Helga aus dem Königreich der Khmer.
Phnom Penh, 23. April 2007.


© Mimi Productions

Was wäre, wenn ...

März 2007.


Was wäre, wenn ... ich in Kambodscha geboren wäre.
Eine Geschichtsstunde aus Anlass meines Geburtstages.





Ich sitze im Bus, der mich von Siem Reap nach Phnom Penh zurückbringt. Die Nationalstraße Nr. 6 ist inzwischen eine gut befahrbare Landstraße, auf der ich nach einem Ausflug zu den Tempeln von Angkor nach Hause gebracht werde. Es war ein aufregendes Wochenende. Ich habe noch den Schrecken in den Gliedern, wie mich ein Gewitter mit krachenden Blitzen und unmittelbar nachfolgenden Donnerschlägen eine halbe Stunde in einer halbverfallenen Galerie des Tempels Ta Prohm festhält und wie sich die roten Staubwege vor meinen Augen in Schlammseen verwandeln. Ich fühle noch den Zauber, den das Gesichtchen der Steingottheit verbreitet, das die Wurzeln eines Riesenbaumes von ihrer Überwucherungsaktion auf den Tempelmauern ausnahmen und dem vor 800 Jahren ein jetzt namenloser Steinmetz das zeitlose Lächeln schenkte.


Die Fahrt für die cirka 300 Kilometer zur Hauptstadt dauert sechs Stunden. An mir vorbei ziehen endlos Holzhäuser auf Stelzen, dahinter ausgetrocknete Reisfelder, hier und da 20 Meter hohe Zuckerpalmen, hier und da entenhütende Kinder, Wasserbüffel, Zeburinder. Wenn ich in Kambodscha geboren wäre, würde ich das alles aus meiner Kindheit kennen. Mein Leben wäre geprägt vom Reisanbau-Zyklus Trockenzeit (November bis April) und Regenfall (Mai bis Oktober), wenn ich als Bauernkind auf dem Land groß geworden wäre, und von der Möglichkeit, eine mehr oder weniger gute Ausbildung zu bekommen, wenn meine Eltern in der Stadt gelebt hätten. Am Ende des 2. Weltkrieges besaß Kambodscha keine Universität und nur eine Oberschule.


Zu meiner Geburt 1952 sind die Franzosen noch/wieder Herren des Landes, nach einem kurzen Interregnum der Japaner 1942-1945. Kambodscha ist Teil von «Indochine», bestehend aus Vietnam, Kambodscha und Laos. Aber die Herrschaft der Franzosen, die mit einem Protektoratsvertrag mit König Norodom 1863 begann, ist längst heftig erschüttert. 1952 kontrollieren kommunistisch orientierte Guerillas mit Hilfe der vietnamesischen Freiheitskämpfer Vietminh 1/6 des kambodschanischen Staatsgebietes (siehe David Chandler, „A History of Cambodia“, 2. Aufl., 1996, S. 180). Unterschiedliche Fraktionen von Bewaffneten, die im Namen der Nation, des Königs, eines Generals oder auf eigene Rechnung operieren, werden das Land auch nach scheinbaren Befriedungen bis zum Ende des 20. Jahrhunderts nicht zur Ruhe kommen lassen.


Am 9. November 1953, als ich mich an den ersten Worten wie „Wustersum“ (für Luftballon) und „Mimi“ (statt Helga) versuche, erklärt König Sihanouk für sein Land die Unabhängigkeit von Frankreich. Mit Stolz weist er immer wieder darauf hin, dass Vietnam die französische Kolonialherrschaft erst ein halbes Jahr später (mit dem Sieg über die französischen Truppen bei Dien Bien Phu) abschütteln kann. Im Mai 1954 beendet die Genfer Konferenz den französischen Traum vom Imperium in Südostasien endgültig.


Für Kambodscha beginnt eine wechselhafte Zeit. Das Land ändert nicht nur seine Verfasstheit und seine Verfassung in kurzen Abständen, sondern – für die Ausländer - auch seinen Namen. „Kambodscha“ und „Kampuchea“ sind auf kambodschanisch ein und dasselbe, es bezeichnet das Land der Kambodschaner, die sich selbst Khmer nennen. Die Bezeichnung „Kambodscha/Kampuchea“ wird nach einer Gelehrtenauffassung abgeleitet von „Kambuja“, das selbst kein Ausdruck der Khmer-Sprache ist, sondern aus dem Sanskrit stammt und für einen Stamm in Nord-Indien verwendet wurde (siehe Serge Thion, „Watching Cambodia. Ten Paths to Enter the Cambodian Triangle“, 1993, S. 236). „Kambu“ bedeutet nach dieser Meinung „Dieb“, denn der nordindische Stamm soll ein Piratenclan gewesen sein. Andere Ethymologen behaupten, „Kambu“ sei einfach nur ein männlicher Vorname, und ein gewisser Kambu habe das kambodschanische Reich in grauer Vorzeit gegründet (siehe „Lonely Planet – Cambodia“, 2005, S. 36). Sei es drum - die Kambodschaner benutzen ohnehin lieber eine andere Bezeichnung für ihre Heimat: „srok khmer“, „Land der Khmer“.


Diese politischen Systeme hätte ich also nach der Unabhängigkeit meines Khmer-Landes erlebt:
1953 – 1970 Königreich Kambodscha
1970 – 1975 Republik der Khmer
1975 – 1979 Demokratisches Kampuchea
1979 – 1989 Volksrepublik Kampuchea
1989 – 1993 Staat Kambodscha
ab 1993 Königreich Kambodscha


Sihanouk ist eine schillernde Figur, der seine Untertanen „Kinder“ nennt, aus dem Staatssäckel die Produktion von Filmen finanziert (mit sich in der Hauptrolle, natürlich als König), der einer kleinen kommunistischen Guerillatruppe, mit der er später paktieren und die er dann bekämpfen wird, den Spitznamen „Rote Khmer“ gibt, der mit dem chinesischen Ministerpräsidenten Zhou Enlai befreundet ist, der sich mit nordkoreanischen Leibgarden umgibt und der das Land regiert wie seinen Privathaushalt. Er hat Freude an politischen Entscheidungen, aber keine Freude an der Vorstellung, sein Land in einen modernen Rechtsstaat zu verwandeln. Und dennoch würde ich mich an meine kambodschanische Kindheit und Jugend in den 60er Jahren als ein goldenes Zeitalter erinnern, golden in Vergleich zu dem, was danach kommt. 1970 wird Sihanouk abgesetzt, von einem General, Lon Nol, dem er selbst zu diesem Posten verholfen hat.


In diesem Jahr wird das kleine Kambodscha endgültig in den Krieg hineingezogen, den seine östlichen Nachbarn, die beiden Vietnam gegeneinander und mit den USA bzw. gegen die USA führen. Am 30. April marschieren amerikanische und südvietnamensische Truppen ein: Der sog. Ho Chi Minh-Pfad, auf dem die Vietcong ihren Nachschub organisieren, führt zu über einem Drittel durch kambodschanisches Gelände. In der Folge entladen amerikanische B-52 ihre tödliche Fracht auch hier. Es wird vermutet, dass mehr als 250.000 kambodschanische Zivilisten dabei getötet werden. Die kambodschanische Regierung gewährt keinen Schutz, Hilfsmittel kommen vielfach nicht bei den Adressaten an, Korruption ist allgegenwärtig. Immer mehr Zivilisten und Soldaten fliehen, auch in die Wälder, viele zu den Kämpfern der Roten Khmer. Sihanouk, inzwischen im chinesischen Exil, fordert seine „Kinder“ über Radio Beijing dazu auf. Wer kann, geht weg aus Kambodscha. Lon Nol befragt für seine Regierungsgeschäfte Wahrsager und Sterndeuter, seine Soldaten sollen sich mit buddhistischen Amuletten vor gegnerischen Kugeln schützen, denn ihre Ausrüstung vertickern die Offiziere auf dem schwarzen Markt (siehe Haing Ngor, „Survival in the Killing Fields“, 1989, S. 48). Inzwischen sind die Seiten unklar, das Land befindet sich im Bürgerkrieg. Zwei Wochen vor dem Fall von Saigon hat sich Lon Nol bereits ins Ausland abgesetzt, die Roten Khmer stehen vor der Hauptstadt. Im April 1975 erhoffen sich viele von ihrem Einmarsch endlich Frieden, ein Ende des Mordens.


Was aus mir unter dem Regime der Roten Khmer geworden wäre, vermag ich mir nicht vorzustellen. Viele in meinem Alter gingen anfänglich als idealistische Teenager in den «maquis», den Untergrund, zu den Roten Khmer. Dann übernahmen sie die Macht. Bis heute zeigen sich die Spuren dieser Herrschaft überall, selbst dem Touristenblick: Wer seine Intellektuellen-Schicht ausrottet, wer Wissen und Bildung gleichsetzt mit Angst vor Folter und Ermordung, wer Familien in einem traditionell familienbetonten Land zerreißt, wer Tempel niederbrennt und Mönche erschlägt, der hindert Normalität und Entwicklung seines Landes in unvorstellbarer Weise für unabsehbare Zeit. Denn er zerstört die Seele des Volkes, das Vertrauen in die eigene Kraft, die Liebe zum Leben, die Hoffnung auf die Zukunft. Die Nachgeborenen wachsen zwar ohne entsprechende Erfahrungen heran; aber niemand weiß, in welcher Form die Elterngeneration das Erlebte und Erlittene weitergibt. Und an Fachkräften fehlt es noch überall. Bis heute ist in Kambodscha nur ein gebürtiger Kambodschaner als Röntgenassistent tätig. Er machte seine Ausbildung in Deutschland und ist im Rahmen deutscher Entwicklungshilfe zurückgekehrt, um Landsleute auszubilden: Kambodscha hat inzwischen zwar Röntgengeräte, aber keine Menschen, die sie zu bedienen wissen.


Wie schwer es ist mit dem Frieden und dem Wiederaufbau in Kambodscha, zeigen die beiden Jahrzehnte nach der Befreiung von den Roten Khmer. Am 7. Januar 1979 marschieren vietnamesische Truppen mit kambodschanischer Unterstützung in Phnom Penh ein. Dabei ist ein ehemaliger Kämpfer der Roten Khmer, mit dem ich in dieselbe Grundschulklasse hätte gehen können, denn er ist nur zwei Wochen jünger als ich (siehe Harish C. & Julie B. Mehta, „Hun Sen. Strongman of Cambodia“, 1999, Vorwort xxii und S. 74). Hun Sen wird zunächst Außenminister der neu gebildeten Regierung, dann Premierminister. Die Roten Khmer sind übrigens als Organisation offiziell bis 1996 im Land aktiv. 1989 packen die letzten vietnamesischen Regierungsberater ihre Koffer. Hun Sen ist jetzt Regierungschef im Staat Kambodscha.


Die Wahlen vom Mai 1993 werden von der UNO überwacht. Der Einsatz der UNTAC (UN Transitional Authority in Cambodia) ist der bis zum heutigen Tag teuerste und umstrittenste Job einer Blauhelmtruppe. Hun Sen schafft es mit seiner Partei CPP (Cambodian People's Party) nicht auf den ersten Platz. Der Posten des Premierministers, der eigentlich dem Wahlsieger Prinz Ranariddh gebührt, wird um des lieben Friedens willen „geteilt“. Für kurze Zeit ist Hun Sen zweiter Premierminister, ein erstaunlicher Vorgang, der aber nur bis 1997 anhält und auf kambodschanische Art mit Waffengewalt geregelt wird. Den Posten des Premierministers hat Hun Sen inzwischen wieder ganz allein für sich und so lieb gewonnen, dass er jüngst in der Tageszeitung „The Cambodia Daily“ verkündete, er wolle das Amt frühestens nach Vollendung des 90. Lebensjahres aufgeben. Da stört es auch nicht weiter, dass Kambodscha wieder Monarchie geworden ist. Der neue König, Sihamonie, ist ein Jahr jünger als ich, und aus verschiedenen Gründen hätten wir sicher nie miteinander gespielt. Aber wer weiss. Welcome to Cambodia.


Helga aus dem Königreich der Khmer.
Phnom Penh, 26. März 2007.


© Mimi Productions

Über den Dächern von Phnom Penh

Februar 2007.


Über den Dächern von Phnom Penh.
Ich lebe mich ein und teile.





Hurra, denke ich am 7. Februar. Eine Woche Verspätung zwar, aber die Bauarbeiten sind endlich abgeschlossen, der Lack auf den Dielen getrocknet und die pompösen rot-weissen Ledersessel vor dem Fernseher in Positur gestellt. Ich habe ein eigenes Heim, mit traumhaftem Blick auf die Stadt, die sich noch keine Wolkenkratzer leistet und für die ein sechsstöckiger Bau wie meiner im Sinne des Wortes ein “Hochhaus” ist. Dass die Mopeds an Schlaflosigkeit leiden und besonders gut von oben in ihrem Dauerbetrieb zu hören sind, dass die Stadt auch des Nachts voller krähender Hähne (!) und jaulender Hunde ist und dass Hochzeitsmusikanten für die mehrtägige Feierlichkeit in der Nebenstraße natürlich vor Sonnenaufgang proben müssen (präzise: um 4 Uhr und 30 Minuten), wird mir erst später auffallen. Da die Freude über das neue Zuhause alles überwiegt, baue ich es nicht zum “castle” um. Das rächt sich jetzt. Jedenfalls habe ich nun zahlreiche Mitbewohner, die weder Miete zahlen noch einkaufen gehen – statt dessen sitzen sie mit am Frühstückstisch und fallen mir dutzendweise in die Nudelsuppe. Meine deutschen Apfelkekse sind ihrer Gefräßigkeit bereits anheimgefallen. Die eiserne Reserve ist nun dahin, und ich werde ab sofort zur Dauer-Reis-und-Nudel-Esserin mutieren. Gegen letzteres habe ich ja nix. Aber dass ich meine Wohnung mit mehreren Armeen von chitinpanzergewappneten Mini-Monstern zu teilen habe, die es geschafft haben, mir keinen Krümelweit auszuweichen und trotz bester Ernährung durch deutschen Direktimport weiter feste in meine weissen Arme und Waden zwacken, finde ich denn doch ziemlich unerfreulich. Dabei wollte ich gerade ertesten, ob ich mich schon auf dem buddhistischen Pfad geradeaus bewegen kann. "Respektiere jedes Lebewesen." Ich glaube, ich komme auf diesen Pfad erst nach einem kleinen Exkurs über den Ameisenweg auf meinem Holzfußboden zurück.


Völlig unfreiwillig mache ich also regelmäßig den “Justin O. Schmidt-Test” und komme bisher immer wieder auf das gleiche Ergebnis, nämlich Nr. 2 auf seiner Skala. Die Erklärung zu diesem Vorgang geht wie folgt:


In Europa gibt es 180 Arten von Ameisen, in Asien 2.080. Von den 2.080 asiatischen Arten hat sich eine meine Wohnung als Siedlungsort und Wirkungskreis auserkoren. Dabei kann ich Ameisen – wie auch viele andere Insekten – so gar nicht leiden, jedenfalls nicht auf meiner Nasenspitze und nicht auf meiner Gabel. Es gibt nur eine einzige Ameise, die ich jemals prima fand, und die war nicht einmal eine echte: Woody Allen als Ameise Z im einzig wahren Insektenfilm (“Antz”, 1998). Z wuchs mir wegen ihrer nachvollziehbaren Neurotisierung in Folge mütterliche Vernachlässigung ans Herz. Wie traurig das aus ihrem Mund klingt: “Wenn man das mittlere Kind ist in einer Familie von fünf Millionen, bekommt man nie die Zuwendung, die man braucht.” Meine Ameisen bekommen jetzt alle Zuwendung, die sie brauchen, auch wenn die recht handfest ist und für mich ein schlechtes Karma anhäuft. Ich mag einfach nicht bekrabbelt und angeknabbert werden, noch dazu von intakten, kinderreichen Familienverbänden, wenn auch vielleicht nicht gleich von fünf Millionen. Und das bringt uns nun geradewegs zu Herrn Justin O. Schmidt.


Justin O. Schmidt ist Insektenforscher mit einer professionellen Leidenschaft, ganz und gar im Sinne des Wortes: Er ist auf Insektenbisse spezialisiert. So haben ihn nach eigenen Angaben fast alle Sorten von Bienen, Wespen und Ameisen gebissen. Er ließ es zu, für die Wissenschaft. Seine schmerzhaften Erfahrungen machte er aber auch für andere nutz- und nachfühlbar, indem er einen Schmerzindikator erfand, den “Schmidt Sting Pain Index”. 150 verschiedene Insektenarten sind von ihm nach Bissintensität und Schmerzempfindungen katalogisiert worden. Auf der Skala (die sich von schwach bis intensiv steigert) rangiert die Schweiß-Biene (“sweat bee”) unter Nr. 1. Justin O. Schmidt beschreibt den Biss als “leicht und fruchtig”, was mich eher an einen Wein aus dem Veneto erinnert. Weiter stellt er fest, der Biss erinnere ihn an “einen Funken, der ein einzelnes Haar auf dem Oberarm verbrennt”. Zur Sache geht es mit dem Biss der Pistolenkugel-Ameise (“bullet ant”, nomen est omen), der auf der Skala eine Nr. 4 erhält: “ein deutlicher, intensiver, klarer Schmerz, als würde man über brennende Kohlen mit einem 5 cm langen Nagel im Hacken laufen”. Wer will das schon ... Meine kleinen Biester geben mir reichlich Gelegenheit, ihre Bissleistung zu benoten. Bisher stufe ich sie zwischen Nr. 1 und Nr. 2 ein. Seit heute morgen teile ich mein Zuhause mit einem weiteren Gast, der sich vielleicht diätmäßig für Ameisenfleisch interessiert: Ein kleiner Gecko macht seine Erkundungsrunde über die Stuckdecke im Wohnzimmer.


Ameisengift soll aber auch seine guten Effekte haben, so sagt man jedenfalls. Und vielleicht bin ich dank dem Ameisengift angereicherten Blut so vergnügt bei meiner Arbeit. Mein erster Workshop lief nach meiner Einschätzung recht gut. “How To Ask Questions The Smart Way. Interviewing Techniques For Auditors” heißt er. Meine Workshop-Teilnehmer hatten es nicht so mit dem Fragen (aktive Mitarbeit ist hier unbeliebt), versicherten mir aber, dass sie viel gelernt zu haben glaubten und gern weiter an meinen Rechnungssprüfungsweiterbildungsveranstaltungen (ha – was für ein schönes deutsches Wort - und das ist genau das, was ich hier veranstalte, bloß auf englisch, wo es einfach “audit training” heißt) teilnehmen würden. Ich war sehr erfreut über die überwiegend positive Resonanz. Die Workshop-Teilnehmer füllten artig, anonym und sehr ausführlich ihre Bewertungsbögen aus. Allerdings wurde ich beim Durchschauen der Bögen doch etwas nachdenklich. Denn unter der Rubrik: “Welche Trainings würden Sie gern in der nächsten Zeit bei mir absolvieren?” hatten zwei geschrieben: “Ich möchte gern lernen, wie ich Fragen auf eine smarte Art und Weise stellen kann.”


Helga aus dem Königreich der Khmer.
Phnom Penh, 21. Februar 2007.


© Mimi Productions

Alain Delon für Raucher

Januar 2007.


Alain Delon für Raucher und die Mondsichel auf dem Rücken.
Erste Eindrücke aus dem Königreich Kambodscha.





Der amerikanische Geheimdienst CIA (Central Investigation Agency) gibt ein “World Factbook” heraus, das über die Länder unseres Erdballes allerlei nützliche Informationen bereithält. Es ist auf dem Internet einsehbar und wurde zuletzt am 27. Januar 2007 aktualisiert. Über die Bundesrepublik Deutschland steht da zum Beispiel zur Ausdehnung: “kleiner als der US-Bundesstaat Montana” und zur Altersstruktur: “0-15 Jahre: 14,1 %; 15-64 Jahre: 66,4 %; 65 Jahre und älter: 19,4 %”. Sieht man unter “Kambodscha” nach, findet man einen treffenden Größenvergleich mit dem US-Bundesstaat Oklahoma (“nur unwesentlich kleiner”) und eine interessante Altersstruktur (“0-15 Jahre: 35,1 %; 15-64 Jahre: 61 %; 65 Jahre und älter: 3,4 %”). Die durchschnittliche Lebenserwartung wird mit 59,29 Jahren angegeben (für Männer 57,35 und für Frauen 61,32 Jahre), und 73,6 % aller Kambodschaner sollen lesen und schreiben können (84,7 % der Männer und 64,1 % der Frauen). Ungefähr 1,5 Millionen Menschen starben während des Regimes der Roten Khmer – sie wurden ermordet, verhungerten, starben an unbehandelten Krankheiten oder während der Flucht. Das war schätzungsweise 1/4 der damaligen Bevölkerung. Das Regime von Pol Pot begann mit dem Einmarsch in der Hauptstadt Phnom Penh am 17. April 1975 und wurde durch den Einmarsch vietnamesischer Truppen am 7. Januar 1979 beendet. Ich war im März 2001 für 14 Tage als Touristin hier. Jetzt bin ich seit einem Monat wieder in Phnom Penh. Es gibt noch mehr Zahlen zu Kambodscha. Sie machen mich hilflos.


Würde ich noch rauchen, könnte ich mir jetzt zur Nachdenklichkeit eine ”Alain Delon” anstecken. Dass die Anglophilen überall im ehemaligen "Indochine" auf dem Vormarsch sind, muss Alain Delon traurig stimmen. Die Werbung für die Glimmstengel, die nach diesem beliebten französischen Schauspieler benannt sind, an den sich auch deutsche Nicht-Kinogänger wegen seiner Liaison mit Romy Schneider erinnern (das schönste Paar, das je an einem Swimming Pool lagerte), lautet schlicht: "the taste of France" – der Geschmack von Frankreich. Die Werbetafeln sind riesig, und die rote Packung “Alain Delon” ist bei jedem Straßen-Zigarettenhändler zu haben. Erstaunlicherweise wird hier nicht halbwegs soviel geraucht wie in China (denke ich) – und das ist nur der geringste Unterschied zwischen meiner alten und meiner neuen Heimat. Am auffälligsten für mich ist – da das meine Neugier jeden Tag aufs Neue ausbremst – die Kürze der Tage. Wenn ich mein Büro um 18.00 Uhr zuschließen darf, geht die Sonne schon zu Bett. Da bleibt sie dann geschlagene zwölf Stunden – und steht erst wieder mit mir auf. Immerhin kann ich jeden Abend den Mond bewundern. Denn zur Zeit ist hier alles trocken in Kambodscha, keine Regenwolken sind am Himmel, und der Mond ist als Rebus-Rätsel verkleidet. Von meiner Oma habe ich gelernt, den abnehmenden Mond (“schreibt sich die Sichel wie ein A?”) von einem zunehmenden (“... oder wie ein Z?” – natürlich alles auf Sütterlin) zu unterscheiden. Aber hier lag die Sichel einfach auf dem Rücken, wie ein ziemlich breites U. Jetzt mutierte der Mond wieder zur Apfelsinenscheibe, und ich weiss immer noch nicht, wie mir Omas Rat in Kambodscha nützlich wird. Aber schließlich werde ich noch mehr Gelegenheit zur Sterndeutung haben. Den nächsten Sichelmond kann ich hoffentlich aus dem Fenster meiner eigenen kleinen Wohnung betrachten. Die ist nämlich noch nicht bezugsfertig. Sie war bis vor kurzem ¼ eines Dachgartens und besteht jetzt erst aus vier ockerfarbenen Wänden, Türen und Fenster fehlen ihr noch. Schon bald werde ich eine kambodschanische Adresse haben, und alle, alle können mir dann schreiben ...


Helga aus dem Königreich der Khmer.
Phnom Penh, 28. Januar 2007.


© Mimi Productions